„Ey sag mal, du kommst aber doch aus Osteuropa, oder?“ – vermutlich wurde mir in meinem Leben kaum eine Frage häufiger gestellt, denn angeblich sehe ich immer polnisch, russisch oder was auch immer aus. Hallo? Ich? Nein, natürlich nicht! Meine Eltern sind schließlich deutsch. Und ich sowieso. Zumindest war das jahrelang meine feste Überzeugung. Obwohl ich schon wusste, dass große Teile meiner Familie aus dem heutigen Polen kamen. Meine erste Reise in die Vergangenheit führte mich daher auf die Sonneninsel Usedom im äußersten Nordosten Deutschlands.

Etwa zeitgleich mit der Entscheidung, auf Weltreise zu gehen und alles hinter uns zu lassen, ploppte in meinem Kopf der Gedanke auf, dass ich viel zu viele Ecken in meiner Heimat noch gar nicht kenne. Während ich insbesondere von meinen Rundreisen durch Spanien und Marokko unendlich viel zu erzählen habe, sehe ich ganz schön alt aus, wenn mir ausländische Touristen von Sehenswürdigkeiten wie Schloss Neuschwanstein oder der Dresdner Frauenkirche vorschwärmen.

So kamen also ein paar neue Pläne auf den Tisch: Im August machen wir einen Roadtrip durch Süddeutschland, in der Adventszeit wollen wir noch ein paar (uns bisher unbekannte) Weihnachtsmärkte besuchen – und ich wollte unbedingt nach Usedom reisen. Warum? Nun, dafür muss ich etwas weiter ausholen…

Espelkamp – eine Flüchtlingsgeschichte aus den 50ern

Während über die schlesische Herkunft meines Großvaters väterlicherseits bei uns eigentlich nie wirklich gesprochen wurde, wusste ich schon recht früh, dass meine Urgroßeltern mütterlicherseits vor vielen Jahren mal ein Haus auf der Insel Usedom, an der Grenze zu Polen, besessen hatten. Als Kind habe ich diese Info einfach so hingenommen. Das war eben so. Für mich war es normal, dass wir für meine Urgroßeltern alle „Min Jung“ und „Min Deern“ waren. Für mich war es auch normal, dass meine Tick Oma regelmäßig ein paar Kannen Blut aus der Schlachterei holte, um daraus ganz traditionell Tollatsch zu machen.

Aber klar. Man wird älter. Man stellt Fragen. Und in einer Zeit, in der Millionen Flüchtlinge nach Europa strömen, unzählige Menschen „Refugees Welcome“-Plakate hochhalten und gleichzeitig rechtes Gesindel ihr Unwesen treibt, wird einem dann erst so richtig bewusst: Hey, ich bin im Prinzip ja auch Nachfahrin von Flüchtlingen. Und so startete ich dieses Jahr endlich nach Vorpommern und machte mich auf die Suche nach dem Haus, in dem meine Familie vor Jahrzehnten wohnte. Auf die Suche nach einem mittlerweile leicht baufälligen Haus im kleinen Dorf Krienke bei Rankwitz, im Achterland der Insel Usedom.

Ganz links meine Urgroßeltern, meine Großtante und meine Oma.

 

Meine Urgroßeltern verließen Usedom im Jahr 1956, flüchteten ohne Gepäck aus der DDR, um nicht aufzufallen, denn sind standen bereits unter Beobachtung. Mit dabei: eine Damentasche mit einer Ersatzunterhose pro Person. Ein angeblicher Tagesausflug zum Baden, von dem die Familie nie zurückkam. Das Haus wurde enteignet.

Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in West-Berlin – den Geschichten meiner Oma zufolge ist dagegen offenbar jedes deutsche Flüchtlingsheim heutzutage purer Luxus. Vermutlich will ich gar nicht wissen, wie genau es dort damals aussah. Die Familie kam nach Espelkamp, wo ich selbst auch aufgewachsen bin. In einer Kleinstadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlingslager errichtet wurde. Vielleicht kennst du das Lied „Vertriebener“ von Heinz Rudolf Kunze? Ja, genau um dieses Espelkamp geht es.

Ich wurde geboren in einer Baracke
im Flüchtlingslager Espelkamp.
Ich wurde gezeugt an der Oder-Neiße-Grenze,
ich hab nie kapiert, woher ich stamm.

(Heinz Rudolf Kunze)

 

 

Usedom: Eine Reise in die Vergangenheit

Wer sich schon einmal von Ostwestfalen nach Usedom aufgemacht hat, weiß, wie lang diese Strecke ist. Luftlinie knapp 500 Kilometer, selbst bei bester Verkehrslage braucht man mit dem Auto etwa 6 Stunden, öffentliche Verkehrsmittel führen über Berlin und nehmen deutlich mehr Zeit in Anspruch. Da die Abfahrtszeiten ganz gut lagen, entschied ich mich für den Nachtbus Bielefeld-Berlin-Bansin von FlixBus* und kam nach etwa 11 Stunden an der Ostsee an.

Nachdem ich an den ersten beiden Tagen schon die drei Kaiserbäder angeschaut hatte und über die polnische Grenze nach Swinemünde gewandert war, machte ich mich am dritten Tag auf den Weg nach Krienke. Von meiner Oma hatte ich ein altes, schwarz-weißes Familienfoto (siehe oben) und ein etwas neueres Bild von dem Haus bekommen. Das zeige ich jetzt hier aber noch nicht, will schließlich nicht spoilern, hehe.

Ich radelte an meiner Pension, der Strandvilla Imperator, los und fuhr aus Bansin raus. Genau genommen, schob ich aus Bansin raus. Nach gerade einmal einem einzigen Kilometer ging mir die Puste aus. Die Sturmwarnung war nicht untertrieben, der Wind peitschte mir entgegen und zu allem Überfluss ging es auch noch steil bergauf. Na das konnte ja was werden. Auf dem Tagesplan standen ca. 40 Kilometer durch die „Usedomer Schweiz“ und ich japste schon, bevor ich Bansin überhaupt verlassen hatte. Ich folgte dem Radweg mit einigen kleinen Hechelpausen bis nach Benz und Neppermin, bog irgendwann rechts in einen Feldweg, um noch einen Abstecher zum Mellenthiner Wasserschloss zu machen und dort meinen Flüssigkeitshaushalt wieder auszugleichen.

Raus aus Mellenthin, war mein zweites Etappenziel schon fast in Reichweite: Ein Straßenschild verkündete, dass es bis Morgenitz nur noch 2 Kilometer waren. Ich strampelte weiter, holperte in dem kleinen Ort über Kopfsteinpflaster und… Huch, Ortsausgang? Eigentlich wollte ich zur Kirche. Mal kurz den Kopf angeschaltet… Ja, die Kirche steht für gewöhnlich in jedem noch so kleinen Kaff ziemlich genau in der Mitte. Also wieder zurück über das Kopfsteinpflaster geholpert und siehe da: die Kirche. Ziemlich unauffällig (sonst wäre ich sicher nicht einfach dran vorbeigefahren), für mich aber richtig spannend, denn meine Oma und ihre Geschwister wurden hier getauft.

Ich setzte mich in die erste Reihe, schwelgte ein bisschen in Vergangenheitsgedanken und zündete noch eine Kerze an, bevor ich mich wieder verabschiedete. Auch wenn ich nicht wirklich an Gott und die Kirche glaube: Vielleicht haben Tick Oma und Tick Opa es ja gesehen und wissen, dass ich an sie denke…

Von Morgenitz ist es nur ein Katzensprung bis Krienke, aber trotzdem war ich mir bis zuletzt nicht sicher, ob ich das Haus wohl finden würde. Der kleine Ort im Süden des Lieper Winkels gehört zwar zur „Stadt“ (naja, eigentlich auch ein Dorf) Rankwitz, ist aber ein ganzes Stück davon entfernt und besteht aus einer einzigen Straße. Der Dorfstraße. Wie treffend. Zumindest das Ortseingangsschild erreichte ich nach wenigen Minuten:

Omas Bruder Hartmut hatte mir auf der Goldenen Hochzeit meiner Großeltern noch gesteckt, ich müsse einfach nur der Straße folgen, am einzigen Kiosk bzw. Tante-Emma-Laden bzw. Café vorbei und immer geradeaus. An dem Kiosk machte ich noch Halt und deckte mich mit Wasser und Erdbeeren ein, bevor ich total gespannt weiterradelte. Ich fuhr tatsächlich direkt auf das Haus zu und erkannte es sofort. Wow, geschafft! Bevor ich ein paar Fotos knipste, setzte ich mich auf die Wiese vor das scheinbar leerstehende Gebäude und futterte meine Erdbeeren.

Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf: Wie sah es hier wohl Mitte des 20. Jahrhunderts aus? Wie hat meine Oma hier wohl als kleines Mädchen gespielt? Wo hat sie geschlafen? Welche Tiere standen hinten im Stall? Fragen über Fragen. Fragen, auf die ich nicht direkt eine Antwort bekommen konnte. Aber in meiner Fantasie setzte sich ein Bild zusammen wie in einem historischen Spielfilm. Ich weiß gar nicht, wie lange ich im Gras saß, bevor ich aufstand und mich auf den Rückweg machte. Ziemlich lange vermutlich.

 

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