Kaum ein Sehender wird sich vorstellen können, wie es ist, blind zu sein. Genau dieses Experiment kannst du aber vollkommen risikolos im Little Afrika in Minden-Häverstädt machen – indem du dich einfach mal ins Dunkel begibst und zusammen mit einigen anderen Restaurantgästen blind zu Abend isst. Erfahre hier, wie wir dieses Erlebnis wahrgenommen und wie wir uns ohne Sehsinn so geschlagen haben.

Wie so oft hatten wir mit dem Besuch des Little Afrika viel zu lange gewartet. Der Gutschein stand seit unserer Hochzeitsfeier Seite an Seite mit vielen anderen spannenden Umschlägen auf unserer Kommode im Flur. Unsere Freunde hatten sich bei der Auswahl der Geschenke wirklich selbst übertroffen! Vom „Dinner in the dark“ hatten wir schon viel gehört und auch des Öfteren Reportagen im TV gesehen, schließlich gibt es deutschlandweit einige Restaurants, die dieses gastronomische Erlebnis mittlerweile anbieten.

Wer steckt hinter dem Little Afrika?

In der ländlichen Umgebung von Minden-Häverstädt erwartet dich das Little Afrika in einem ehemaligen deutschen Wirtshaus. Vom Parkplatz aus kommt man durch einen Nebeneingang in den Teil des Gebäudes, der für das „Dinner in the dark“ genutzt wird. Die Nigerianerin Felicia Olumat-Glaser betreibt das Restaurant zusammen mit ihrem Mann Olaf und bietet damit sicherlich den exotisch-kulinarischen Höhepunkt des Ortes.

Natürlich konnte ich es mir nicht nehmen lassen, im Vorfeld schon einmal online einen Blick auf die Speisekarte zu werfen und erspähte einige Fleischsorten, an die ich mich bisher noch nicht herangetraut hatte. Eigentlich bescheuert, aber ich muss gestehen, dass ich bisher bei Chinabuffets etc. immer einen großen Bogen um Krokodile gemacht hatte und wohl auch nie explizit eins geordert hätte. Liegt vielleicht an dem bleibenden Eindruck, den die lebenden Kolosse in Nordaustralien bei mir hinterlassen haben.

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Der Ablauf des Abends

Nach einem ziemlich chaotischen Start begann das eigentliche Programm des Abends. Falls du dort also auch mal Gast und etwas verwirrt sein solltest, nur zur Info: Ja, du bist hier wirklich richtig und hast dich nicht verlaufen. Nein, das Dinner findet nicht in dem vollgestopften Vorraum statt. Ja, es gibt auch noch eine offizielle Begrüßung, in der sich alle Fragen klären werden. Ruhig Blut, haha.

Es war schon etwas Zeit verstrichen, als uns Olaf freundlich und mit guter Laune willkommen hieß und uns seine Frau Felicia vorstellte, die uns daraufhin mit viel Witz und äußerst charmant erklärte, was uns an diesem Abend erwarten würde. Dazu gab es beispielsweise auch sehr gut gemeinte Sicherheitshinweise, wie zum Beispiel im Dunkeln besser nicht zu versuchen, direkt am Teller zu schnuppern, da wir uns unter Umständen mit einem Holzspieß aufspießen könnten.

In der Zwischenzeit waren schon die Bestellungen aufgenommen worden – es gibt eine Auswahl von vier verschiedenen Menüs: Fleisch, Fisch, Vegetarisch oder Exotisch (nach Allergien wird ebenfalls gefragt und auch ein veganes Menü ist möglich). Was genau auf den Teller kommt, erfährt man allerdings erst nach dem Dinner, wenn Felicia wissen möchte, was man denn da eigentlich gegessen hat. Gar nicht so einfach, die verschiedenen Zutaten im Dunkeln zu erraten! Genauso schwer gestaltet sich die Aufgabe, die Kosten für seine Getränke passend (!) aus einem Haufen Münzen zu suchen – Scheine und Trinkgeld sind in der Dunkelheit nämlich „verboten“.

Wenn dich das Blindsein vor ungeahnte Herausforderungen stellt

Gespannt und mit der vollen Sehleistung unserer Augen wurden wir schließlich in eine Reihe gestellt, um in einer Polonaise hinter dem dicken Vorhang zu verschwinden, der als Lichtschleuse zum Nebenraum dient. Nach ein paar Schritten wurden wir von Kathrin, unserer blinden Kellnerin begrüßt, die wir vorher noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatten. Nun standen wir dort also vollkommen orientierungslos in einem Raum und wären ohne fremde Hilfe komplett aufgeschmissen gewesen.

Erste Gedanken: Wie groß ist der Raum? Wo sind die anderen auf einmal alle hin? Und wie verdammt nochmal schaffen es Blinde, ihren gesamten Alltag zu meistern, wenn ich sogar zu blöd bin, meinen Stuhl zu finden? Kathrin hat im Laufe des Abends in Perfektion unter Beweis gestellt, dass sie so nicht nur ihren Alltag und ihren Job im Finanzamt meistert, sondern es auch noch schafft, uns ein 4-Gänge-Menü und Getränke zu servieren, nette Gespräche mit uns Gästen zu führen und fleißig Blindenstöcke und später auch ein Nachtsichtgerät zu verteilen.

Nachdem ich bei meiner gemischten Vorspeisenplatte nur bei etwa jedem vierten Versuch etwas Essbares auf meiner Gabel hatte, war ich überglücklich, dass sich der zweite Gang als Suppe rausstellte, die sich erstaunlich unproblematisch löffeln ließ. So unproblematisch, dass ich etwas übermütig wurde und anfing, meinen Mann neben mir zu füttern (wir hatten natürlich nicht das gleiche Menü bestellt, das wäre ja langweilig). Vermutlich ist was davon auf seinem Shirt gelandet – ich bin mir aber nicht sicher, schließlich konnten wir am Ende des Abends die vielen Flecken auf unseren Klamotten nicht mehr nach Entstehungszeitpunkt unterscheiden (ich hatte doch tatsächlich sogar festgetrocknete Sauce unter meinem Auge, incroyable).

Erlebnisgastronomie auch zwischen den einzelnen Gängen

Durch einen Raum zu gehen dreht meinen Adrenalinspiegel für gewöhnlich nicht sonderlich hoch. In totaler Dunkelheit, in unbekannter Umgebung und nur mit einem Blindenstock bewaffnet, sieht die Sache aber schon ganz, ganz anders aus. Als ich da so stand und den Vorsatz „einfach geradeaus gehen, umdrehen und den gleichen Weg wieder zurück“ hatte, lief noch alles bestens. Komischerweise (und mir völlig unerklärlich) stand ich wenige Augenblicke später allerdings am anderen Ende unseres Tisches. Hatte super funktioniert, das „Einfach-geradeaus-gehen“.

Ab dem Hauptgericht (Tatsache, ich hab wirklich ein Krokodil auf dem Teller gehabt) nahm ich mir ein Beispiel an Simon, der schon nach dem ersten Gang in Anbetracht des Schwierigkeitsgrades angefangen hatte, mit den Fingern zu essen. Sieht ja eh keiner, also who cares. Am Ende des Abends wurde es dann nochmal richtig spannend, als ganz langsam das Licht angemacht wurde: Wir hatten uns sowohl den Raum, als auch unsere Kellnerin, als auch unsere Tischnachbarn irgendwie komplett anders vorgestellt. Fazit des Abends: Es war ein ganz besonderes Erlebnis, das Essen wirklich lecker und ich kann es jedem wärmstens ans Herz legen!

Was das „Dinner in the dark“ kostet und wie du teilnehmen kannst

Das „Dinner in the dark“ im Little Afrika in Minden-Häverstädt kostet 59 € pro Person und beinhaltet:

  • 4-Gänge-Menü (Fleisch, Fisch, Vegetarisch oder Exotisch)
  • Getränke während der Vorbesprechung
  • Wasser während der Zeit in der Dunkelheit
  • Heißgetränk (Kaffee, Espresso oder afrikanischer Tee) nach dem Menü

Gutscheine gibt es übrigens auch direkt auf der Internetseite des Restaurants, nicht nur über Portale wie MyDays, Jochen Schweizer und so weiter! Das ist für den ein oder anderen vielleicht interessant zu wissen – so spart man sich nämlich die Mails oder Telefonate, um den Gutschein einzulösen. Reservieren kannst du ebenfalls direkt online oder per Telefon. Vielleicht allerdings lieber per Telefon, denn unsere Online-Reservierung war auf der Liste trotz Buchungsbestätigung dummerweise nicht mehr auffindbar.

Solltest du kein Auto haben, wird die Anreise schwer, denn Häverstädt ist nur katastrophal (gleichzusetzen mit „so gut wie gar nicht“) an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Bis zum Bahnhof von Minden sind es machbare 6 Kilometer, das Gasthaus verfügt notfalls auch über eine Pension.

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Warst du auch schon mal bei einem „Dinner in the dark“?

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