Aus 1 mach 2, so lautete mein Credo für die vierte Etappe des Camino Francés. Nachdem ich am Vortag mehr schlecht als recht bis nach Pamplona gekommen war, wusste ich, dass ich es etwas langsamer angehen musste – zumal mich nur wenige Kilometer weiter der Alto del Perdón mit über 700 Metern Höhe erwartete. Nicht gerade hitverdächtig, wenn das Knie sowieso schon tierisch schmerzt. Da ich glücklicherweise genug Puffer für meinen Jakobsweg hatte, passte ich die Planung also einfach etwas an. Und war damit nicht allein, denn ein Stockwerk tiefer saßen zwei Frauen weinend auf dem Bett und dachten bereits ans Abbrechen.

Wie sehr mich die ersten drei Etappen wirklich erschöpft hatten, merkte ich erst am Morgen, als mich der Wecker um kurz vor sieben aus dem Schlaf riss. Um mich herum waren schon fast alle Betten leer und Tomas, meine Wanderbegleitung des Vortages, hatte sich auch bereits auf den Weg gemacht. Natürlich wurde auch hier wieder fleißig geschnarcht – trotzdem hatte ich offenbar geschlafen wie ein Stein und war total erschlagen von der vielen ungewohnten Anstrengung.

Internet auf dem Jakobsweg: eine spanische SIM-Karte kaufen

Dennoch hielt es mich an dem Morgen nicht mehr lange im Bett. Die allgemeine Aufbruchsstimmung und die Tatsache, dass man die Herbergen spätestens um acht oder halb neun verlassen haben muss, ließen mich nur noch kurz auf meinem Etagenbett herumlümmeln.

Innerhalb von nur drei Tagen war mir sämtliche Optik meinerseits egal geworden. Tägliche Morgenroutine: Zähne putzen, Haare zum Zopf binden, anziehen, losgehen. Ich schlürte also nochmal quer durch die Innenstadt von Pamplona, frühstückte ein Schokocroissant und einen frischen Orangensaft und trabte Richtung Südwesten.

Ich hatte nämlich noch etwas zu erledigen: Da ich am Abend zwei Stunden Online-Kurs geben musste, wurde es dringend Zeit für eine spanische SIM-Karte, um auch auf dem Jakobsweg immer Internet zur Verfügung zu haben. Im Vorfeld hatte ich mich für simyo entschieden, da es dort für nur 17 € monatlich eine Prepaid-Karte mit 20 GB Datenvolumen gibt. Natürlich kam ich viel zu früh an dem Computerladen „PC BOX“ an, der die Karten verkauft und um 10 Uhr seine Pforten öffnet. Also schlug ich die Zeit in der Bar um die Ecke bei einem weiteren frischen Orangensaft tot und stand pünktlich auf die Minute vor dem Geschäft. Als zehn Minuten später endlich das Licht anging und seelenruhig das Gitter an der Tür geöffnet wurde, musste ich grinsen. Spanien eben.

Was du für eine spanische SIM-Karte brauchst? Eigentlich nur einen Personalausweis. In der Praxis brauchte ich aber vor allem eine spanische Adresse und auch eine spanische Telefonnummer, da das System keine ausländischen Daten annimmt. Es wurde probiert und probiert und der nette Verkäufer tat mir schon richtig leid, da das Programm einfach ständig abstürzte. Ewigkeiten später (und mit den Kontaktdaten meiner nächsten Herberge + angegebenem Kontaktierungsverbot, abgesehen von meiner Mail-Adresse) hatte ich für 10 € eine SIM-Karte, die ich im nächsten Supermarkt aufladen konnte. Alles easy, guter Empfang, Daumen hoch!

Cizur Menor: Ruhetag und Stadtbesichtigung in 5 Minuten

Die eigentlich lächerlichen 5 Kilometer nach Cizur Menor zogen sich endlos – was nicht nur an den stechenden Schmerzen in meinem Knie lag, sondern auch an dem echt hässlichen Industriegebiet neben Pamplona. Zwischendurch musste ich stehenbleiben und tief durchatmen: Trotz meiner neuen Schiene am Bein tat jeder Schritt weh und ich wimmerte leise vor mich hin.

Als ich um kurz nach 12 in der Albergue Maribel Roncal ankam, konnte ich es kaum glauben: Die Herberge hatte erst vor wenigen Minuten ihre Pforten geöffnet und trotzdem standen hier schon mehrere Pilger wartend in der Schlange, große Teile der Betten waren bereits vorreserviert. Hier in Cizur Menor? Ich verstand die Welt nicht mehr. Welcher normale Mensch (der nicht gerade körperliche Gebrechen hat) verzichtet denn bitte freiwillig auf eine Stadt wie Pamplona und nächtigt stattdessen in einem der kleinsten Dörfer überhaupt?

Ich gab an der Rezeption meinen Ausweis, meinen Pilgerpass und den Nachtpreis von 10 € ab und wir alle durften erstmal in Ruhe duschen und Wäsche waschen gehen, während sich die Hospitalera um den Papierkram kümmerte. Herrlich – was will man nach Ankunft schließlich mehr als eine heiße Dusche? Okay, gut, ein neues Knie wäre halt geil gewesen, aber man kann nicht alles haben, haha.

Zusammen mit meiner neuen Mitbewohnerin Susanne (die den Camino im Frühsommer in ihrer Heimatstadt Wien gestartet ist!) ruhte ich mich kurz aus – danach wollten wir das Dorf nach etwas Essbarem absuchen und uns einfach etwas umschauen. Während ich zuerst noch überlegte, ob ich nicht lieber die Beine hochlegen sollte, wurde schnell klar: DAS konnte ich gerade noch bewerkstelligen.

Cizur Menor besteht quasi aus einer kleinen Kirche und zwei Bars. Kein Supermarkt, das nächste Lebensmittelgeschäft befindet sich offenbar tatsächlich in Pamplona. Glücklicherweise hatte Susanne noch eine Packung Nudeln, eine Paprika und etwas Tomatensauce dabei, die wir gemeinsam kochten. Nachdem wir großzügig ein paar tote Fliegen aus der uralten Salzpackung in der Küche geschüttet hatten, um zumindest etwas Geschmack in Nudeln und Sauce zu bekommen…

Arbeiten auf dem Jakobsweg – geht das überhaupt?!

Am Abend stand dann erstmals seit meinem freien Tag in Saint-Jean-Pied-de-Port Arbeit auf dem Plan. Ich war sehr froh, dass ich vorher keine Unterrichtsstunden vereinbart hatte, denn abgesehen davon, dass ich nach meinen täglichen Etappen kaum noch Kraft hatte, reichte das WLAN in den Herbergen wenn überhaupt nur dafür, ein paar Fotos bei Facebook zu teilen.

Aber Ironie des Schicksals: Jetzt, wo ich endlich eine spanische SIM-Karte hatte und mir per Smartphone einen mobilen Hotspot für mein Laptop einrichten konnte, funktionierte das Internet im Aufenthaltsraum der Herberge Maribel Roncal ausgezeichnet (der Router stand auch direkt über mir, hihi).

Bevor ich losgereist war, hatte ich auf Travelicia einen Artikel zum Thema „Als Digitaler Nomade auf dem Jakobsweg“ gelesen und der klang ausgesprochen positiv. Auch ich war anfangs noch sehr motiviert, musste aber schnell feststellen: alles Typsache. Klar, für ein paar Mails, Social-Media-Posts etc. ist fast  immer Energie und Motivation vorhanden.

Wenn es dann aber ans „echte“ Arbeiten geht, blockiert das Gehirn auch gerne mal, denn der Jakobsweg fordert nicht nur den Körper, sondern in erster Linie auch den Geist. Ich hatte mein Arbeitspensum sowieso schon auf das Nötigste heruntergefahren – dennoch würde ich jedem dazu raten, sich nach Möglichkeit lieber komplett freizunehmen, um sich wirklich auf diese Achterbahnfahrt der Gefühle einlassen zu können. Ich für meinen Teil fühlte mich zumindest häufig vollkommen unproduktiv und wollte mir dieses einmalige Erlebnis auch nicht durch Arbeit vermiesen.

Camino Francés: Kaum muss Caro über einen Berg, regnet es

Das Schicksal meinte es nicht gut mit mir. Als Susanne und ich am nächsten Morgen gemeinsam in Cizur Menor starteten, war es draußen noch dunkel – ein Novum für meine Tagesbegleitung, denn obwohl Susanne schon so lange unterwegs war, hatte sie die Herberge noch nie bei Dunkelheit verlassen. Ich hingegen war das seit dem ersten Tag so angegangen.

Anfangs Richtung Roncesvalles nur aus Angst, später keinen Platz mehr in der Herberge zu bekommen. Aber irgendwie ist es schön, den Sonnenaufgang auf dem Jakobsweg genießen zu können. Jeden Tag aufs Neue ein ganz besonderes Naturspektakel, wenn sich der Himmel um einen herum nach und nach verfärbt.

Nun aber zum Problem des Tages. Schon beim Aufstehen meinten ein paar andere Pilgerinnen „Da wollt ihr jetzt nicht wirklich raus!“. Nichtsahnend öffnete ich die Tür. Draußen schüttete es aus Eimern. Susanne freute sich, endlich mal wieder ihre Regenklamotten anziehen zu können. Ich wiederum freute mich, am fünften Tag vermutlich schon zum zweiten Mal klatschnass wandern zu müssen. Als es dann letztendlich losging, nieselte es nur noch vor sich hin, mein Rucksack war unter dem Regenschutz verstaut (Candy dieses Mal auch!) und meine Fleecejacke hielt mich trocken. Noch…?!

Jakobsweg: Bei Regen über den Alto del Perdón

Keine Ahnung, ob es daran lag, dass wir die Pyrenäen gerade erst hinter uns hatten. Oder einfach an den guten Gesprächen mit Susanne. Ehe wir uns versahen, waren wir bereits auf dem Gipfel angekommen. Zeitlich perfekt abgepasst, fing es wieder an, in Strömen zu regnen. Wir knipsten also noch schnell ein paar Fotos an der berühmten Pilgerkarawane (siehe Titelbild), besorgten uns an einem kleinen Imbisswagen neuen Proviant und machten uns schleunigst an den Abstieg.

Während bisher alles gut gelaufen war, merkte ich nun wieder mein Knie, das mich förmlich anschrie mit einem „Du hast es doch gewusst, du hohle Nuss!“ – ja, hatte ich. Zumindest hatte ich es befürchtet. Im Zickzack setzte ich den Abstieg fort und nachdem dieser endlich geschafft war, blieb ich bei jedem Schritt halb im Feld stecken.

Keine Ahnung, was das war, aber der Regen hatte nicht nur den Abstieg abenteuerlich gemacht, sondern auch die Wiese in Kleber verwandelt, der sich nun schön im Profil meiner Schuhe festsetzte.

Camino Francés: Klamotten trocknen und von innen aufwärmen

Im nächsten Ort traf ich Susanne wieder. Mit ihrem Tempo konnte ich beim Abstieg nicht mehr mithalten. Die Sonne war inzwischen rausgekommen und wir setzten uns in der Bar der Herberge „Camino del Perdón“ auf die Terrasse, aßen Kroketten und Suppe und freuten uns, dass es fortan nur noch relativ flach weitergehen würde.

Besonders amüsant: Neben Getränkeautomaten steht an der Herberge doch tatsächlich ein Apotheken-Automat, an dem man sich mit Blasenpflastern, Salben und Co. eindecken kann. Ich bin übrigens immer noch der Meinung, dass der Jakobsweg insgeheim von Compeed gesponsert wird, haha.

Als es uns auf der Terrasse irgendwann zu frostig wurde, setzten wir unseren Weg fort. So weit war es gar nicht mehr bis nach Puente la Reina, wo ich meine Tagesetappe beenden wollte. Auf den letzten Metern ächzten meine Füße dann doch ganz schön und ich freute mich riesig auf eine heiße Dusche.

Auf die musste ich allerdings noch etwas warten, denn nachdem ich mich von Susanne, die noch etwas weitergehen wollte, verabschiedet hatte und bei der Herberge meines Vertrauens angekommen war, hieß es bereits „completo“. Was? Um 13 Uhr schon? Na toll. Also nochmal einen halben Kilometer zurück in die kirchliche Herberge am Ortseingang.

Puente la Reina: Nicht das Ritz, aber immerhin ein Bett

Auf die ursprünglich anvisierte Herberge „Puente“ war ich in meiner Unterkunft in Cizur Menor aufmerksam geworden. Der Flyer sah super einladend aus und ich freute mich bereits auf die angekündigte Terrasse zum Relaxen. Aber da ich nach wie vor nicht plante, mein Bett im Voraus zu reservieren, landete ich also letztendlich in der weitaus einfacheren Variante. Diese war zwar für 5 € vollkommen in Ordnung, die Matratze bequem und die Sanitäranlagen sauber.

Wäre da nicht dieses kleine Problem gewesen… Freudig stellte ich fest, dass ich das letzte Bett auf unterer Ebene bekam. Eigentlich schlafe ich in Etagenbetten (im Gegensatz zu fast allen anderen) am liebsten oben, da man dann mehr Platz hat und sich nicht den Kopf stoßen kann. Mit meinem kaputten Knie war ich aber froh darüber, nicht mehr die Leiter hochklettern zu müssen.

Mein Glück währte allerdings nicht lange, denn kurz darauf kamen drei ältere Spanierinnen an, die hitzig mit der Hospitalera diskutierten und in ein anderes Zimmer wollten, in dem es noch „bottom bunks“ gab. Das ging natürlich nicht. Ende vom Lied: Um weiteres Gemeckere zu unterbinden, tauschte ich mein Bett.

Vielleicht auch gar nicht so schlecht, denn die Leitern waren so hoch und unglücklich positioniert, dass ich echt Mühe hatte, meine Matratze zu erreichen. Immerhin war so sichergestellt, dass nicht mitten in der Nacht eine Spanierin ihr Leben verlor…

 

Gespannt, wie es weitergeht? Hier geht’s zum sechsten Teil.

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