Die Königsetappe des französischen Jakobswegs gleich zu Anfang meines Pilgerweges – das kann doch nur katastrophal enden, oder? Was passiert, wenn sich ein eher wenig sportliches und vollkommen untrainiertes Caro auf den Weg macht, um 24 Kilometer zu überwinden, die sich auf bis zu 1400 Höhenmeter verteilen?! Tatsächlich nicht viel, denn ich bin lebendig im Kloster von Roncesvalles angekommen – und das, obwohl an diesem Tag eigentlich alles gegen mich gesprochen hat und ich innerlich dauerhaft am Fluchen war.

Da ich für die Pyrenäenüberquerung am ersten Tag ca. 9 Stunden einkalkuliert hatte, wollte ich morgens bereits spätestens um sechs Uhr das Haus verlassen – Frühstück gab es allerdings erst ab halb sieben. Der nette Herbergsvater der Gîte Makila* hatte mir aber am Vorabend meines Starts bereits angeboten, dass ich doch einfach schon um 6 zu ihm in die Küche kommen und mir zumindest was zu trinken und ein paar Kekse abholen könnte. So weit, so gut. Irgendwie fühlte ich mich mittlerweile aber verdammt unsicher. Klar, ich hatte bei meiner Ankunft in Saint-Jean sowieso schon ganz schön Bammel vor der ersten Etappe. Aber das war längst nicht alles.

Jakobsweg ohne Vorbereitung – Kann das gut gehen?

Meine Vorbereitung auf den Jakobsweg hatte sich auf ein paar (Halb-) Tageswanderungen bei uns im Flachland Bielefeld beschränkt. Meine Wanderschuhe waren dabei für zu schwer und zu nervig befunden worden, sodass ich letztendlich meine Nikes und ein Paar Sandalen einpackte. Alles, was nicht unbedingt sein musste, wurde wieder ausgepackt. Verbandszeug? Wüsste ich im Ernstfall eh nicht, wie man das richtig verwendet. Regenjacke, wasserfeste Kleidung, Ohrstöpsel, Wanderstöcke? Nervt mich alles – ergo: Bleibt zu Hause. Und so musste ich mich direkt im Vorfeld mehrfach für meine „Wird schon schiefgehen“-Art rechtfertigen.

Den Vogel abgeschossen hat dabei allerdings eine US-Amerikanerin: Nachdem sie sich erst schon theatralisch schockiert über das Frühstück geäußert hatte („Whaaat? No scrambled eggs? No bacon?“), begann unsere Diskussion über die erste Etappe. Sie erzählte und erzählte, wie fit sie sei. Wie oft sie generell wandern gehe. Dass sie ja auch Diät-Coach sei. Und dass sie alles eingepackt habe, was man so brauchen könnte.

Und dann – in einem Nebensatz – wurde noch beiläufig hinzugefügt, dass sie ihre Unterkunft schon reserviert und den Rucksack bereits beim Gepäcktransport aufgegeben hatte. Achso, ja klar. Muss ich sicherlich nicht erwähnen, dass sie gaaar nicht nachvollziehen konnte, wieso ich meinen Rucksack gerne selbst tragen möchte… Aber gut, das Geschäft mit Bettenreservierungen und Gepäcktransport boomt – und nervt mich schon, bevor mein Pilgerweg überhaupt begonnen hat.

Mein Start auf dem Jakobsweg: Es kann losgehen!

Ich war aufgeregt und voller Tatendrang. Pah, so ein Berg wird mir doch wohl nichts anhaben können! Ich trank schnell ein Gläschen Orangensaft, stopfte mir eine Madeleine in die Hamsterbacken und schulterte mein Backpack. Den Weg aus der Stadt heraus hatte ich ja am Vortag bereits genauestens unter die Lupe genommen – und trabte einfach mal immer geradeaus. Irgendwann sollte es links bergauf gehen. Ja. Naja. Hab ich verpasst. Nicht weiter verwunderlich, zumal mein Tatendrang um halb sieben Uhr morgens noch nicht so ganz gegen die Müdigkeit ankommt.

Mir fiel das allerdings auch erst auf, als ich schon ein ganzes Stück die Hauptstraße entlanggelaufen war, es angefangen hatte zu regnen und ich mit meiner Handytaschenlampe um mich herumleuchten musste. War ich hier wohl richtig? Mittlerweile hatte ich ziemliche Angst, von einem der Autos erfasst zu werden, denn es gab keinen Weg mehr und ich quetschte mich auf den Seitenstreifen, wo ich bei Gegenverkehr regelrecht um mein Leben bangte. Nee, da lief doch irgendwas falsch. Mit einem Blick auf Google Maps (verdammt, direkt gecheated…) war klar: Ich hätte vorher abbiegen müssen. Allerdings würde der nächste Weg nach ein paar Kilometern wieder mit dem Camino zusammenlaufen – alles gut also.

Camino Francés: Pyrenäenüberquerung bei Regen

Die Wettervorhersage hatte am Vortag von Regen ab 10 Uhr gesprochen. Ich wollte also unbedingt vorher in Orisson ankommen. Dort, nach den ersten 8 Kilometern, endet nämlich der steilste Aufstieg der ersten Etappe und ich war mir sicher, dass danach alles besser werden würde. Naja, Pustekuchen.

Erstens regnete es ja schon vorher, zweitens war der Aufstieg nach Orisson zwar nicht mehr so steil, dafür aber stetig und unerbittlich. Als ich bei Huntto wieder auf den echten Camino stieß, war mir das übrigens schon klar, bevor ich die Wegmarkierungen gesehen hatte: Während ich vorher noch durch die komplette Stille gewandert war, sah ich nun alle paar Meter andere Pilger.

Manche waren hochmotiviert, andere japsten schon jetzt unaufhörlich vor sich hin, die ersten Flüche kamen auf. Eine junge Russin überholte mich alle zwei Minuten erneut, denn in etwa demselben Rhythmus musste sie Duckface-Selfies von sich schießen. Der Regen hatte kurzzeitig nachgelassen und ich kam mit John, einem Australier aus Perth, ins Gespräch.

John ist zwar sicher schon locker jenseits der 60 anzusiedeln, aber vermutlich fitter als ich. Wir unterhielten uns ein bisschen, wanderten ein Stückchen zusammen und redeten uns gegenseitig ein, dass dieses verdammte Orisson doch nun wirklich nicht mehr so weit entfernt sein konnte.

Nebel, Nebel und: noch mehr Nebel

Von dem ersten Teil des Aufstiegs konnte ich noch ein paar Fotos schießen, danach war Schluss mit lustig. „Alles in allem (bei gutem Wetter) eine außerordentlich schöne Wanderung durch die Bergeinsamkeit der Pyrenäen“ hieß es in meinem Wanderführer.

Ja, mag sein. Bei Regen aber eine außerordentlich beschissene Wanderung mit unzähligen Mitleidenden. Nix Einsamkeit, nix Sonne. Auch nix Allgäu, mit dem die Pyrenäen oft verglichen werden. Gefangen in meinem 50-Meter-Sicht-Radius, konnte ich maximal noch eine Ähnlichkeit mit den mystischen Landschaften Schottlands ausmachen. Mehr ganz sicher nicht.

Plötzlich tauchte, wie aus dem Nichts, ein gigantischer Baum vor mir auf. Der Nebel war so dicht, dass ich ihn nicht gesehen hatte… Bis ich wirklich kurz vor ihm stand. Meine Fleecejacke, die schon seit meiner ersten großen Reise nach Australien mein treuer Begleiter ist, schlug sich tapfer und der gesamte Regen perlte an ihr ab. Als ich Orisson endlich erreichte, schüttete es schon wieder aus Eimern.

Pyrenäenüberquerung: Pause? Nee, muss nicht sein.

Mit meinen klebrigen Sachen wollte ich mich nicht in die Gaststube setzen, also hockte ich mich draußen mit maximal fünf Zentimetern meines Hinterns auf einen nassen Stuhl und packte mein Sandwich aus. Und packte es nach drei Bissen wieder ein. Irgendwie kein Hunger. Und irgendwie wollte ich auch einfach nur weitergehen und das Ganze schnell hinter mich bringen. Noch schnell eine Banane aus der Schale befreit… Weiter ging es.

Ich weiß gar nicht, wie lange ich einfach nur stumpf geradeaus beziehungsweise bergauf latschte. Gefühlt waren es mindestens fünf Tage. In der Realität… naja, in etwa zwei Stunden. Mein Handy hatte ich inzwischen ganz unten in meinem Rucksack verstaut, denn das Raincover für das Backpack hielt alles trocken und es war durch die Nässe mittlerweile sowieso unmöglich, über das Smartphone-Display zu wischen. Der Regen perlte von meinen Wimpern und klatschte in dicken Tropfen vor mir auf den Camino.

Eine Fata Morgana auf dem Camino Francés?

Und dann, ganz plötzlich… Eine Fata Morgana? Da stand doch am Wegesrand tatsächlich ein kleiner Food Truck und verkaufte Snacks und Getränke. Unter einer Markise! Die kalten Getränke fanden nicht unbedingt viele Abnehmer, Kaffee und Co. hingegen waren regelrechte Kassenschlager. Ich genehmigte mir einen Becher Heiße Schokolade und kramte mit zittrigen Fingern noch die Postkarte aus dem Rucksack, die ich am Vortag für meine Großeltern geschrieben hatte.

Morgens in der Eile hatte ich nämlich vergessen, sie in den Briefkasten zu stopfen – und die französische Briefmarke würde mir am nächsten Tag in Spanien nicht mehr wirklich nützen. Der nette Verkäufer versprach, sie nach Feierabend für mich einzuschmeißen – mal schauen, ob sie den Weg zu ihren Adressaten findet.

Ich kämpfte mich weiter vorwärts und blieb kurz vor dem Gipfel für ein paar Sekunden stehen, um zu verschnaufen. Meine Fresse, so etwas hatte ich in der Tat noch nie gemacht. Wie aufs Kommando zogen in dem Moment drei Amerikanerinnen vorbei, die mich mit einem „Don’t stop now!“ zum Weitergehen animieren wollten.

Ein Blick genügte: kein Rucksack auf dem Rücken, dafür aber jede Menge Arroganz im Blick. In Gedanken fuhr ich meinen Mittelfinger aus und rief ihnen ein angepisstes „Fuck you, Bitches“ hinterher. Natürlich nur in Gedanken. Vorbei jegliche Tiefenentspannung. Für alles andere war ich auch viel zu erledigt.

Abstieg von den Pyrenäen – Es wird nicht besser…

Als ich eeendlich auf dem Gipfel angekommen war, war ich der festen Überzeugung, dass es jetzt ja nur noch besser werden konnte. Klarer Fall von Irrtum. Der Regen hatte die Wege zu rutschigen Pisten werden lassen und absolut jeder kam hier gefährlich ins Straucheln.

Das in Kombination mit dem hohen Pilgeraufkommen und dem extrem steilen Pass sorgte dafür, dass ich mir ausmalte, was passieren würde, wenn jetzt ganz oben jemand den Halt verliert. Domino Day. Und zwar ein ganz gewaltiger. Da halfen auch keine Wanderschuhe und keine Stöcke. Wer hier wegrutschte, war ganz sicher verloren.

Kloster Roncesvalles: Endlich am Ziel angekommen

Der Abstieg zog sich über mindestens zwei Stunden hin, ich hatte sämtliches Zeitgefühl verloren. Bei manch einem älteren Pilger fragte ich mich später, ob er wohl überhaupt am Ziel angekommen war. Ich war inzwischen seit mindestens einer Stunde nass bis auf die Haut und selbst denen in perfekter Regenmontur ging es nicht großartig anders, denn das Wasser peitschte aus allen Richtungen.

Und dann, nach insgesamt acht Stunden, stand ich im Kloster von Roncesvalles in der Schlange. Im Flur, bei Durchzug. Und wartete auf ein Bett. Die meisten Zimmer im Kloster sind richtig schön – als ich endlich an der Reihe war, wurden allerdings die letzten Betten im Keller vergeben. Aber mir war mittlerweile alles egal. Ich zog mir trockene Klamotten an, rollte mich auf meinem drahtigen Stockbett ein und starrte die Wand an. Schlimmer konnte es sicher nicht werden.

Interessiert, wie es weitergeht? Hier geht’s zum zweiten Teil!

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