Es ist so weit: Zum ersten Mal, seit ich den Camino gestartet bin, geht es mir richtig schlecht – körperlich wie seelisch. Klar, ich hatte mich zwischendurch schon häufiger gefragt, warum ich das eigentlich mache und die ganzen Strapazen auf mich nehme. Und meine körperlich verbesserungswürdige Verfassung war auch nur mit Hilfe von ganz viel Kampfgeist zu überbrücken. Aber ab dem Moment, in dem ich die Comunidad La Rioja erreiche, geht es steil bergab mit mir und ich muss mich hart zusammenreißen, diese kurzzeitige Depression zu überwinden.

Früh am Morgen verlasse ich Viana. Um mir Logroño anschauen zu können, habe ich die Etappe so geplant, dass ich nun nur noch etwa 12 Kilometer vor mir habe. Ein lockerer Marsch, der mir nach den bereits zurückgelegten Kilometern nicht wirklich Angst einjagt. Theoretisch könnte ich auch einfach etwas länger schlafen, in Ruhe frühstücken und mich in aller Ruhe auf den Weg machen – die Nacht war allerdings alles andere als angenehm und ich kann es kaum erwarten, endlich aufzubrechen.

Das Geschnarche hätte ich bis vor kurzem zwar noch als unerträglich eingestuft… Aber man gewöhnt sich ja an alles und auch das schlimmste Gesäge wird mit der Zeit erträglicher. Außerdem habe ich böse gefroren, was der Mischung „keine Decke“ und „kaputte Fleecejacke“ zuzuschreiben ist. Die Tagesetappe also schnell hinter mich bringen und in Logroño ein neues Kleidungsstück besorgen.

Der Jakobsweg von Viana nach Logroño ist zwar körperlich in der Tat ein Zuckerschlecken – macht aber landschaftlich absolut nichts her. Während ich in den letzten Tagen ja schon die ersten Weinberge zu sehen bekommen habe, erwartet mich an diesem Morgen nur eine große Straße, an der ich mich kilometerweit entlanghangele. Der Pfad führt konstant parallel zur Straße, die paar Bäume ändern an dieser langweiligen Aussicht auch nicht viel. Also beschleunige ich einfach meinen Gang und trage einfach ein kleines Wettrennen mit mir selbst aus.

Camino Francés: Immer geradeaus nach Logroño

Auf dem Weg nach Pamplona hatte sich der Camino zwar wegen meiner Knieschmerzen sehr in die Länge gezogen, allerdings gestaltete sich der Einzug in die Stadt an sich ganz nett. Nicht so in Logroño. Ich latsche endlos durch Industriegebiet, durchquere Unterführungen und Brücken und bin nicht sonderlich amused. Zumal ich mich zwischendurch noch kurz unterstellen muss, um dem ein oder anderen kurzen Regenschauer zu entkommen.

Das einzige Fünkchen Hoffnung bildet ein Straßenschild, das mich darauf hinweist, dass nun die Comunidad La Rioja beginnt. Schon ein cooles Gefühl, denn nun weiß ich, dass ich die gesamte Comunidad Navarra zu Fuß durchquert habe. Das habe ich ja bisher noch nicht einmal mit meiner Heimatstadt Bielefeld komplett geschafft.

Mein Ansporn, neuerdings mal Kilometer auf Zeit zu kloppen, zeigt Wirkung: Nach nur zwei Stunden erreiche ich den Eingang von Logroño, es ist noch nicht einmal zehn Uhr und ich befürchte, dass ich um diese Uhrzeit in keine Herberge einchecken kann. Die beiden Pilger, die ich an einem Stadtplan sehe, sind fast die einzigen, die ich heute getroffen habe – irgendwie war auf dem Weg erstaunlich wenig los und generell sind mir nur sehr wenige andere Menschen begegnet. Als ich über die Brücke latsche, ändert sich das schlagartig und mir wird bewusst, dass ich wieder in der Zivilisation angekommen bin: Endlich mal wieder eine größere Stadt!

Jakobsweg: Herberge suchen in Logroño

Da ich sowieso noch viel zu viel Zeit habe, beschließe ich, mir die Stadtkarte nicht anzuschauen, sondern einfach dem Jakobsweg zu folgen. Dieser führt mich zu einem Kreisel, von wo aus ich schon die Calle Ruavieja sehe, die eine traditionelle Pilgergasse ist, gesäumt von unzähligen Herbergen. In der Albergue Santiago Apostol* frage ich vorsichtig nach, ob ein Check-In wohl schon möglich ist – und habe Glück. Für 10 Euro bekomme ich einen Schlafplatz und darf direkt in mein Zimmer gehen.

Während noch überall Putzfrauen ihrer Arbeit nachgehen, husche ich schnell unter die Dusche, wasche meine Wäsche und ruhe mich auf meinem Etagenbett aus, bis die Klamotten sauber und trocken sind. Ich hasse es, Leuten bei der Arbeit zuzuschauen und entschuldige mich leicht beschämt bei den Putzfrauen, die mir aber lächelnd versichern, dass alles okay ist und ich einfach meine Füße entspannen soll. Der Schlafsaal ist riesig und nicht sonderlich einladend, aber ich bin ja schon froh, dass die Matratze gemütlich ist und es eine warme Wolldecke gibt.

Als ich meine Wäsche aus dem Trockner hole, bezieht eine Pilgerin in meinem Alter das Bett neben mir und ich wittere die Chance, mal wieder etwas Gesellschaft zu bekommen. Ich verstaue meine Klamotten in meinem Rucksack und werde sogar direkt von ihr angesprochen – sie kommt aus Schweden und ist zum zweiten Mal hier, da sie ihren ersten Camino-Versuch letztes Jahr wegen schlechter Schuhe abbrechen musste. Ich verzichte darauf, ihr von meinen Flip Flops zu erzählen und lenke das Gespräch gekonnt in eine andere Richtung. Naja, eigentlich frage ich sie nur, ob sie mit mir in die Stadt kommen will. Ich brauche nämlich dringend eine neue Fleecejacke.

Logroño: Auf der Suche nach neuen Klamotten

Ein Paar neue Wandersocken für den horrenden Preis von 17 Euro ist schnell gefunden. Ich hatte nur zwei Paar mitgenommen und eins davon dummerweise irgendwo in einer Herberge um den Alto del Perdón verloren. Und wer weiß, wenn ich doch noch dauerhaft in meine Sportschuhe wechseln sollte, wäre ein zweites Paar Socken sicher von Vorteil. Noch bevor ich den ersten Streetwear-Laden für ein neues wärmendes Kleidungsstück aka eine neue Fleecejacke betreten habe, nervt mich meine schwedische Bekanntschaft schon zu Tode.

Ich komme gar nicht dazu, selbst etwas zu sagen, denn es sprudeln so viele Fragen aus ihr heraus, dass ich mich wie in einem Kreuzverhör fühle: Hast du einen Freund? Ah, du bist schon verheiratet? Bist du nicht noch voll jung? Wie kam das? Wo habt ihr euch kennengelernt? Warum ist er nicht mit dir hier? An sich beantworte ich eigentlich alle Fragen, die man mir stellt, höchst gerne. Irgendwie fühle ich mich in diesem „Gespräch“ aber hochgradig unwohl und meine Antworten werden immer knapper.

Da ich keine Lust auf einen langen Shopping-Marathon habe, kaufe ich den erstbesten Pullover – mintgrün und kuschelig. Zwar keine neue Fleecejacke, aber der tut’s wohl auch. Und ist sogar reduziert. Glücklicherweise will die Schwedin noch in ein paar andere Läden, wir verabschieden uns und ich schlüre etwas durch die Straßen. Logroño gefällt mir ausgesprochen gut: Die Architektur ist richtig hübsch und es macht tatsächlich Spaß, auch nach der täglichen Dosis Jakobsweg noch ein paar Extra-Kilometer zu gehen. Leider ist es recht kühl – ansonsten würde ich mich durch eine der unzähligen Eisdielen futtern. Noch nie zuvor ist mir irgendwo so eine hohe Dichte an Eis, Frozen Yoghurt und Co. aufgefallen, haha.

Buen Camino – So sieht man sich wieder!

Mitten in der Stadt treffe ich noch Renate und Silvia wieder, mit denen ich den Schlafsaal in Cizur Menor geteilt habe. Die beiden gehen jedes Jahr einen Abschnitt des Jakobswegs und beenden ihren Camino dieses Mal in Logroño. Wir quatschen noch kurz über die letzten Tage und wünschen uns eine gute Heimreise und „Buen Camino“ – nach dem Weg ist vor dem Weg.

Logroño: Warum bleibe ich nicht einfach?

Am nächsten Morgen bin ich in einem totalen Tief gefangen. Ich will nicht aufstehen und mir graut es vor dem Tag. Es warten etwa 30 Kilometer auf mich, die bis dahin bei weitem längste Etappe des Jakobswegs. Grummelig setze ich mich auf meine Bettkante und packe meine Sachen zusammen. Flip Flops oder Schuhe? Vielleicht mache ich mir ja wirklich die Füße kaputt, wenn ich so viele Kilometer in den Gummilatschen gehe?!

Ich bin deprimiert. Seit wann interessiert mich eigentlich die Meinung von anderen? Nun sitze ich hier und habe auf einmal panische Angst, mir hinterher von allen ein „Wir haben es ja gesagt“ anhören zu müssen. Also tape ich die heiklen Stellen ab, schmiere eine dicke Schicht Anti-Blasen-Creme auf meine Füße und ziehe die neuen Wandersocken und ein dünnes paar Strümpfe übereinander, bevor ich in meine Sportschuhe schlüpfe. Fünf Minuten später sitze ich unten im Frühstücksraum – vor so einer langen Wanderung brauche ich ganz sicher eine gute Grundlage. Es kann losgehen.

Der Weg raus aus der Stadt ist dank der guten Kennzeichnung ausgesprochen einfach. Theoretisch. Mir persönlich fällt es unglaublich schwer, denn ich bin missmutig wie lange nicht. Ich trotte vorbei an Karaoke-Bars, Pubs und Clubs. Es ist Freitag, das Wochenende steht bevor. Warum bleibe ich eigentlich nicht einfach hier? Trinke mir ein paar Whisky, gehe feiern und genieße das Leben? Warum zur Hölle tue ich mir das jeden Tag an und leide mehr oder weniger still vor mich hin?

Der Weg ist das Ziel: Zweifel auf dem Jakobsweg

Ich besinne mich wieder darauf, weshalb ich das Ganze überhaupt mache. Der Weg ist das Ziel. Mach‘ dich frei für alles, was noch kommen mag, Caro. Das wird schon. Eigentlich gefällt es dir doch sogar. Du warst noch nie mit so wenig materiellen Dingen so glücklich wie momentan. Mach‘ einfach weiter und zieh‘ das durch! Wirklich überzeugt bin ich von meinem gutem Zureden nicht, beschleunige meinen Schritt aber trotzdem etwas, um nicht so auszusehen, als wäre ich gerade auf dem Weg zu meiner eigenen Beerdigung.

Jakobsweg durch den Parque San Miguel in Logroño

Meine Laune hebt sich, als ich am Ortsausgang von Logroño den Parque San Miguel passiere. Viel schöner kann ein Streckenabschnitt des Caminos vermutlich nicht sein. Ich sehe grüne Wiesen, einen wunderschönen See, Schwäne und… Ach Mist, meine Blase meldet sich bereits zu Wort und es gibt gerade weit und breit keine Toilette. Glücklicherweise bin ich mittlerweile Profi im Wildpinkeln. Bis letztes Jahr war das noch ein Ding der Unmöglichkeit, denn seit meinem ersten In-den-Wald-pinkeln-Versuch auf einem Kindergeburtstag während meiner Grundschulzeit (der mit einer gänzlich nassen Hose endete), hatte ich ein regelrechtes Trauma.

Aber auf Reisen kommt man ja oft nicht drumherum und jahaaa (*stolz*), ich kann das jetzt, haha. Also schnell abgewartet, dass kein Fahrradfahrer um die Ecke braust, schnell die Pilgerlage ausgecheckt, Rucksack abgesetzt und einfach am Wegesrand zwischen zwei Büsche gehockt. Wieder Herrin meiner Sinne, konnte es weitergehen und ich hoffte inständig, dass dieser schöne Park einfach niemals aufhören würde. Das absolute Highlight: Eichhörnchen! Überall! Ich liebe Nagetiere aller Art (okay, bei Ratten hört diese Liebe etwas auf) und verplemperte meine Zeit damit, Fotos von ihnen zu schießen und in Ahhhs und Ohhhs zu verfallen. Los, Caro, weitergehen – du hast noch fast 30 Kilometer vor dir und willst doch nicht Gefahr laufen, kein Bett mehr zu bekommen!

Weiter durch mit Weinbergen geschmückte Landschaften

Der weitere Weg kann mit dem Park voller Eichhörnchen zwar nicht mithalten, ist aber trotzdem ausgesprochen schön, denn er führt durch Wälder und Weinberge und das Wetter könnte zum Wandern kaum besser sein. Es ist nicht zu kalt, sondern angenehm mild, der blaue Himmel und die dicken Schäfchenwolken lassen die Landschaft wunderschön aussehen und meine mental leicht labile Verfassung vom Morgen verbessert sich kontinuierlich.

Irgendwie ist heute dennoch der Wurm drin – kaum habe ich mein positives Mindset wiedergefunden, beginnt mein Körper, mich arg zu piesacken. Die Schuhe drücken, die Füße jammern, mein Knie lässt auch immer mal wieder von sich hören. Und überhaupt, die letzten Kilometer gestalten sich als totale Qual. 20 Kilometer sind im Normalfall immer recht easy zu bewältigen – alles, was darüber hinausgeht, ist nur mit viel gutem Zureden zu meistern. Aber ich habe keine wirkliche Wahl, denn vor Nájera gibt es nicht sonderlich viel und ich will auch keinen Umweg über die kleinen Dörfer gehen. Es ist schon früher Nachmittag und ich rede mir ein, dass die Betten in den wenigen Herbergen bestimmt bereits alle belegt sind.

Die letzten acht Kilometer sind so qualvoll, dass ich bereits am Abend kaum noch weiß, was eigentlich passiert ist. Ich kämpfe mich von Kilometer zu Kilometer und die Gedanken vom Morgen sind wieder vollständig zurück: Warum zur Hölle mache ich das hier? Meine Füße fühlen sich an wie Steine und es geht nicht nur mir so. Insgesamt sind seit Logroño komischerweise deutlich weniger Pilger unterwegs, die Ströme der ersten Tage haben sich mittlerweile offenbar verlaufen. Oder vielleicht wurden einfach auch schon so viele Pilger aus dem Rennen geworfen. Ziemlich viele wurden ja schließlich schon in Pamplona ausgeknockt.

Jakobsweg: Wenn jeder Schritt zur Qual wird

Etwa jede Viertelstunde setze ich mich an den Wegesrand, um meine Füße kurz zu entlasten und in Ruhe etwas zu trinken. Das Bild, das sich mir zwei Kilometer vor Nájera bietet, spricht Bände: Die Pilger, die nach und nach an mir vorbeikommen, trotten auch nur noch vor sich hin. Ich muss grinsen, denn es sieht echt so aus, als würde auf den letzten Kilometern der Tagesetappe für einen Zombie-Run geübt werden. Fast alle schlurfen mit hängenden Armen und schiefen Gesichtszügen über den Camino und denken vermutlich das Gleiche wie ich: Bitte, bitte, lass‘ mich einfach nur ankommen.

Um 16 Uhr endlich angekommen in Nájera, mache ich mir nicht die Mühe, nach einer besonders hübschen Herberge zu suchen. Ich falle in die erste, die mir begegnet und nuschele eine Mischung aus drei verschiedenen spanischen Sätzen, die ich in meinem Kopf habe und die ausgesprochen überhaupt keinen Sinn mehr ergeben. Der Hospitalero scheint trotzdem zu verstehen, dass ich ein Bett will und schaut mich so mitleidig an, als wäre ich ein halb überfahrenes Katzenbaby.

Nájera: Wabbelige Knochen und Schüttelfrost – hurra!

Im Laufe des Abends schaffe ich es nur noch, ein Baguette, einen riesigen Becher Hummus und Schokolade aus dem Supermarkt zu holen und wie ein Zombie im Aufenthaltsraum zu sitzen. Meine Hände zittern, ich friere trotz mehrerer Schichten Klamotten und fühle mich hundsmiserabel. Simon hatte mich vor meiner Abreise gezwungen, ein paar Tütchen Elektrolyte gegen Erschöpfungszustände einzupacken. Ich schütte eins davon in ein Glas Wasser – schlimmer kann es wohl kaum werden. Besser wird es allerdings auch nicht. Am Nebentisch sitzen ein paar Deutsche und hören „Dieser Weg“ von Xavier Naidoo.

Ich wechsele nur ein paar Worte mit den anderen Pilgern und falle schon vor 21 Uhr ins Bett. Am ganzen Körper zitternd liege ich auf meiner Matratze und verkneife mir die Tränen. Ganz sicher werde ich meinen Körper und dessen Leistungsgrenze so sehr ignorieren wie heute. Ganz sicher werde ich nie wieder 30 Kilometer an einem Tag wandern. Und ganz sicher werde ich auch nie wieder auf die ganzen Ratschläge der anderen Pilger hören – ab sofort trage ich nur noch das Stückchen Gummi unter meinen Sohlen, das schwöre ich mir selbst.

Dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Weg wird steinig und schwer. (Xavier Naidoo)

 

Gespannt, wie es weitergeht? Hier geht’s zum elften und zwölften Teil.

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