„Halbzeit!“, schreit alles in mir und ich bin mir nicht sicher, ob das ein Grund zum Lachen oder Weinen ist. Calzadilla de la Cueza ist exakt die Mitte des Camino Francés und führt mir vor Augen, dass ich alles, was ich bisher geschafft habe, quasi noch einmal gehen muss. Das Ziel ist bisher allerdings mehr als gut erreicht, denn ich hatte meinen Jakobsweg in zwei gleich große Hälften geteilt und für die Mitte einen einwöchigen Urlaub mit meiner besseren Hälfte eingeplant. Manchmal liegen Freud und Leid dicht beieinander und es herrscht eine komische Aufbruchsstimmung, als Steve und ich am Morgen unsere letzte gemeinsame Wanderung starten.

Ich sitze auf heißen Kohlen und kann es kaum erwarten, Simon endlich wiederzusehen. Knapp ein Monat ist zwar nicht sonderlich lange, aber lange genug, ihn schon ganz schön zu vermissen. Wir sind zwar fernbeziehungserprobt und ich war schon häufig auch für mehr als vier Wochen allein unterwegs, aber irgendwie ist es trotzdem immer doof und ich freue mich riesig, dass wir unsere Weltreise in wenigen Wochen gemeinsam als reisendes Ehepaar starten können.

Steve und ich haben viel Zeit, denn Simon kommt erst am späten Nachmittag an. Das hoffe ich zumindest, denn er will mich im Mietwagen abholen – irgendwie gab es aber Unstimmigkeiten mit seiner Kreditkarte und wir sind uns nicht zu 100% sicher, ob ihm die Mietwagenstation am Flughafen das Auto rausgibt. Wenn nicht, wäre das ziemlich dumm, denn ich befinde mich ja gerade mitten im Nichts und müsste kompliziert mit Taxi, Bus und Bahn fahren. Aber wir sind einfach mal optimistisch, wird sich schon aufklären.

Um meinen schmerzenden Knöchel etwas zu stützen, entscheide ich mich am Morgen für festes Schuhwerk. Ich stabilisiere den rechten Fuß ein wenig, ziehe die dicken Wandersocken an und schnüre die Schuhe schön fest. Steve grinst mich schelmisch an: „Heute mal nicht Dusty?“

Das ist mein neuer Spitzname, denn mit meinen Flip Flops habe ich dank der Schotterwege meist schon nach einer halben Stunde so staubige Füße, dass die gesamte Haut unter einer dicken Pulverschicht verschwunden ist. Die Schuhe bringen nicht wirklich den gewünschten Erfolg, denn mein Fuß tut wie zu erwarten trotzdem weh und es nervt mich bereits nach kurzer Zeit, dass ich meine Zehen nicht mehr frei bewegen kann.

Überraschung: Es gibt doch Verpflegung in der Meseta!

Wir hatten uns am Vorabend extra noch ein paar Snacks in Carrión de los Condes gekauft, denn in meinem und scheinbar auch fast allen anderen Wanderführern stand, dass es auf dem Weg nach Calzadilla de la Cueza keine Einkehrmöglichkeiten geben würde. Wir sind also nicht die einzigen Pilger, die ziemlich erstaunt sind, als auf einmal doch mehrere kleine Rastplätze und Food Trucks entlang der Strecke auftauchen, an denen man sich prima mit Getränken und Snacks eindecken kann.

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Es gibt sogar ein paar Plätze im Schatten und wir schmieren uns noch einmal mit Sonnencreme ein. Während Steve schon wieder überall weiß glänzt, tupfe ich mir nur etwas von seiner Creme auf die Nasenspitze und in den Nacken. Die Arme habe ich mir gestern bereits versengt, weil ich der Meinung war, ich würde gar nicht mehr so schnell einen Sonnenbrand bekommen, weil ich nach meinen Reisen ganz gut vorgebräunt bin. Dem war wohl nicht ganz so. Naja, eigentlich ist es nur der linke Arm, denn man geht ja immer in die gleiche Richtung und hat die Sonne dementsprechend auch immer auf der gleichen Seite… Die Haut ist etwas rot, tut aber nicht sonderlich weh – trotzdem trage ich heute lieber meine langärmlige Stoffbluse.

Wir sitzen eine Weile völlig tiefenentspannt auf unseren Plastikstühlen und Steve versucht, mit seinem Stuhl den größtmöglichen Schattenplatz zu finden. Irgendwie sagt ihm das gerade alles nicht wirklich zu und er grummelt vor sich hin. Ich sage erstmal nichts dazu und hebe nur eine Augenbraue. Er merkt selbst, dass er sich gerade unnötig stresst und meint nur trocken „Oje, ich bin schon wieder zu sehr der ‚Grumpy Old Man‘, oder?“ – Ja, ein bisschen ist er das manchmal, aber ich habe das Gefühl, dass er von Tag zu Tag relaxter wird.

Ich bin mir unsicher, ob es an meiner Gesellschaft oder am Jakobsweg liegt. Vielleicht ein bisschen an beidem, aber auf jeden Fall ist es schön zu sehen, dass ihm die Zeit auf dem Camino sichtlich guttut und der anfangs so zurückhaltende Steve ganz schön aufgetaut ist. „Grumpy Old Man“ und „Baby Girl“ rocken auf jeden Fall zusammen die Meseta. Und als der große Hund der Rastplatzbesitzer auf Steve zuhechtet, ist der Schattenplatz sowieso nicht mehr von Belang – ein paar Streicheleinheiten für den Wauwau sind schließlich wichtiger als die Vermeidung von Sonnenbrand, haha.

Camino Francés: Mit Sugar Daddy auf dem Jakobsweg?!

Da es an dem Rastplatz keine Sanitäranlagen gibt, schüttet sich Steve nach der Streichel-Session etwas von meinem Desinfektionsgel auf die Hände und besorgt uns an der kleinen Bude ein zweites Frühstück. Als ich ihm einen Fünfer für meinen Anteil in die Hand drücken will, winkt er ab und ich werde leicht zickig. Seit wir zusammen unterwegs sind, weigert er sich, Geld von mir anzunehmen. Er zahlt ständig für irgendetwas, beschwichtigt mich mit einem „Du zahlst einfach das nächste Essen“ – und zückt dann beim nächsten Mal schon wieder schneller als ich gucken kann einen Geldschein.

Das ärgert mich gewaltig, denn beim Thema Geld bin ich manchmal echt typisch deutsch und achte darauf, dass die Rechnung immer ungefähr zu 50/50 aufgeteilt wird. In Burgos hatte ich ihm schon angedroht, ihn bald nur noch „Sugar Daddy“ zu nennen, wenn er nicht augenblicklich aufhört, unsere Restaurantrechnungen zu bezahlen. Das hatte sogar vorübergehend Wirkung gezeigt. „Wag es ja nicht, mich so zu nennen – das klingt total eklig! Außerdem müsste ich dafür reich sein und du müsstest noch ein paar Gegenleistungen erbringen. Die Bezeichnung stimmt also ganz und gar nicht“, hatte er leicht schockiert gelacht. Und mich die Rechnung zahlen lassen. Na, geht doch.

Am frühen Nachmittag erreichen Steve und ich gut gelaunt Calzadilla de la Cueza. Wir haben tatsächlich den Mittelpunkt der Strecke von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela erreicht und sind überglücklich. In der Albergue Camino Real am Ortseingang setzen wir uns unter einen großen Sonnenschirm und gehen ins Haus, um uns unser Mittagessen auszusuchen. Ausnahmsweise gibt es sogar richtig leckeren grünen Salat und dazu einen frischen, hausgemachten Ensaladilla Rusa.

Da hinter dem Tresen absolut niemand Englisch spricht, kläre ich die Bestellung auf Spanisch und da Steve kein Wort versteht, weiß er auch nicht, was der Spaß kosten soll. Also krame ich 11 Euro für einen großen Teller Salat, frisches Brot, zwei Getränke und eine große Flasche Wasser hervor und werfe dem potenziellen „Sugar Daddy“ einen warnenden Blick zu. Das zeigt Wirkung: Er packt sein Geld wieder ein, zieht lachend Richtung Kühlschrank ab und besorgt uns schon mal die Getränke.

Jakobsweg: Anstoßen auf die Camino-Halbzeit

Das Essen schmeckt sehr gut und ist wirklich ganz frisch. Das freut uns, denn die spanische Küche ist (vor allem für Vegetarier) oft schrecklich eintönig und vieles besteht einfach nur aus Teig und toten Tieren und Fritteuse. Da kommt ein hausgemachter Salatteller gerade richtig. Als wir auf die erreichte Halbzeit anstoßen wollen, fällt mein Blick auf Steves Getränkewahl und ich kann es kaum glauben: Er hat ebenfalls eine Glasflasche Cola in der Hand und freut sich wie ein kleines Kind, als ich in deswegen fragend anschaue. Er habe gerade einfach auch Lust auf eine Cola. Eine ganze, eigene Flasche.

Moment, war er es nicht neulich noch, der mich daran erinnert hatte, dass das Zeug mega ungesund und voll von Zucker ist? Ganz offensichtlich bin ich ein schlechter Einfluss, aber Steve sieht das glücklicherweise anders und ist der Meinung, dass ich Frohnatur ein ganz ausgezeichneter (schlechter) Einfluss bin. Na dann ist doch alles gut. Wir stoßen an, verdrehen noch ein bisschen die Augen über die lautstarken „Ich gehe eigentlich jeden Tag mindestens 35 Kilometer, gönne mir heute aber mal einen ruhigen Tag und mache nur 30“-Angeber und machen uns wieder bereit für den Camino.

Eigentlich wollten wir in Calzadilla de la Cueza bleiben, aber zum zweiten Mal in Folge fühlen wir uns noch fit genug, um ein paar Kilometer mehr zu gehen. Wir haben sowieso noch viel Zeit, denn Simon sitzt gerade erst im Flugzeug nach Santander und muss anschließend noch locker anderthalb Stunden über die spanische Autobahn fahren – vorausgesetzt, er bekommt den blöden Mietwagen überhaupt.

Camino Francés: Weiter bis nach Ledigos

Also nehmen Steve und ich einfach noch die nächsten sechs Kilometer bis nach Ledigos auf uns. Kurz nach Calzadilla de la Cueza steht ein Warnschild am Straßenrand und zeigt eine Schneeflocke an. Ernsthaft? Es sind an die 30 Grad, die ganze Landschaft ist extrem trocken und wir können uns beim besten Willen nicht vorstellen, dass es hier in der Meseta jemals auch nur annähernd Eisglätte geben könnte. An unserem letzten gemeinsamen Tag auf dem Jakobsweg rekonstruieren wir die letzte Zeit. Und wundern uns insbesondere darüber, dass so viele Pilger ab Burgos Bus oder Bahn genommen haben, um direkt weiter nach León zu fahren.

Die Meseta ist total langweilig, haben sie gesagt. Vor León kommt überhaupt nichts mehr, haben sie gesagt. Nein, viel Spannendes kommt hier in der Tat nicht, aber langweilig ist es ganz sicher auch nicht. Ganz im Gegenteil, denn die Meseta zwischen Burgos und León ist ein einmaliges meditatives Erlebnis und es tut auch mal gut, ein paar Tage keine nennenswerten Höhenmeter auf der Strecke zu haben. Ich kann mir zwar durchaus vorstellen, dass es ohne meine gute Gesellschaft etwas langweilig gewesen wäre, aber dank Steve sind meine bisherigen Erinnerungen an die Meseta ausschließlich positiv.

Angekommen in Ledigos, machen wir uns auf die Suche nach einer Herberge für Steve. An der Albergue El Palomar kommen wir zuerst vorbei. Diese wirkt allerdings so ungepflegt, dass wir ans andere Ende des kleinen Dorfes gehen und dort bei der Albergue La Morena* nachfragen. Wir stehen fast eine Viertelstunde am Tresen, bekommen schon einen Stempel, warten – und kriegen dann gesagt, dass alle noch freien Betten bereits reserviert sind.

Na klasse. Also latschen wir wieder zurück und Steve checkt in der anderen Herberge ein. Problemlos, denn dort sind noch unzählige Betten frei und jeder, der neu in einen der Schlafsäle kommt, guckt sich erstmal angewidert um. Schön ist definitiv anders, und ich bin froh, dass ich dort heute nicht schlafen muss. Wobei mir Steve echt leid tut.

Ledigos: Abschiedssangria auf dem Jakobsweg

Steve duscht sich schnell, während ich draußen auf einem Plastikstuhl warte und von Simon die langersehnte Nachricht bekomme, dass mit dem Mietwagen doch alles wie geplant geklappt hat und er endlich auf dem Weg zu mir ist. Die Bar der Herberge ist etwas spooky: Der Hospitalero ist zwar eigentlich ganz nett, aber irgendwie sagt mir der große, dunkle Raum mit Fliesenboden nicht wirklich zu und am Tresen sitzt eine viel zu knapp bekleidete, stark übergewichtige Frau, die düster dreinschaut.

Als Steve endlich wiederkommt, gehen wir zurück zur deutlich besseren Herberge La Morena, setzen uns dort für einen Abschiedssangria auf die Terrasse und rätseln, ob die Dame nebenan wohl eine Prostituierte des Jakobswegs war.

Zum zweiten Mal an diesem Tag stoßen wir an. Dieses Mal allerdings nicht auf die Halbzeit, sondern darauf, dass wir eine schöne Zeit zusammen hatten und uns hoffentlich irgendwann mal wiedersehen. Bei mir kommt ein wenig Wehmut auf. Auch wenn ich mich gerade einfach nur freue, Simon jeden Moment wiederzusehen, nippe ich leicht deprimiert an meinem Sangriaglas herum. Aktuell überwiegt die Vorfreue auf den gemeinsamen Urlaub mit meiner besseren Hälfte, aber ich weiß schon genau, dass Steve mir verdammt fehlen wird, wenn ich erstmal wieder zurück auf dem Camino bin und auf seine Gesellschaft verzichten muss.

Camino Francés: Urlaub vom Jakobsweg

Vielleicht fragst du dich jetzt, wieso ich auf der Mitte des Caminos unbedingt einen Urlaub einschieben musste?! Sagen wir mal so: Es war Simon und mir einfach wichtig, in Kontakt zu bleiben. So viele Wochen auf dem Jakobsweg sind eine extrem intensive Zeit für Körper und Geist und übers Telefon kann man sich zwar viel erzählen, aber trotzdem ist es nicht dasselbe. Die vielen Gedanken der letzten Woche möchte ich unbedingt persönlich mit meinem Mann teilen, ihn bei vielen Aspekten nach seiner Meinung fragen.

Wenn ich zu lange alles nur in meinem eigenen Kopf ausmache, drifte ich manchmal ab und verrenne mich in bescheuerte Ideen – weshalb es höchste Zeit ist, manche Fragen gemeinsam zu erörtern, bevor ich den Rest des Jakobswegs in Angriff nehme. Denn dann werde ich in ein paar Wochen hoffentlich in Santiago ankommen und Antworten gefunden haben, die ich insgeheim noch suche.

Auf einmal nähert sich ein Auto über die kleine Zufahrtsstraße und bei dem fast nicht vorhandenen Verkehrsaufkommen in dem kleinen Dorf Ledigos, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es Simon ist, der da auf uns zukommt. Durch die Windschutzscheibe strahlen wir uns schon an, Simon parkt neben der Bar und ich springe auf, renne los und springe ihm in die Arme. Endlich! Steve kommt grinsend hinterher und ich mache die beiden miteinander bekannt, schließlich habe ich den beiden schon so viel vom jeweils anderen erzählt, dass nun nur noch das passende Gesicht dazu fehlt.

Ich überlege kurz, ob wir einfach noch zusammen ein Gläschen trinken und etwas quatschen – vermute aber, dass das irgendwie komisch werden würde, da Steve und ich uns quasi schon verabschiedet haben, er zurück in die Herberge wollte und Simon und ich es kaum erwarten können, endlich gemeinsam Richtung Meer zu fahren. Man soll ja gehen, wenn es am schönsten ist. Und sicher gibt es irgendwann irgendwo auf dieser Welt ein Wiedersehen. Eine Einladung nach Westaustralien haben wir schließlich schon und mit großer Wahrscheinlichkeit wird es uns auf unserer Weltreise auch dorthin ziehen. Tschüss Camino, bis bald. Tschüss Steve – und danke für die schöne Zeit!

 

Gespannt, wie es weitergeht? Hier findest du die einundzwanzigste Etappe!

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