Es läuft gerade alles viel zu perfekt, als mich ein heftiger Rückschlag trifft. In den letzten Tagen habe ich Etappen von 27, 28, 35 und 33 Kilometern gemacht – weit über meinem normalen Pensum. War ja aber irgendwie klar, dass dieser Run nicht lange anhalten kann. Nur hätte ich beim besten Willen nicht damit gerechnet, dass mir ausgerechnet SO ein Strich durch die Rechnung gemacht wird. Meine Kondition ist top, ich bin guter Dinge – und dann steht plötzlich der Wald in Flammen und der Brand klaut mir den Tag, den ich gerade erst so mühsam aufgeholt hatte.

Bevor ich am Morgen in Cacabelos aufbreche, warte ich noch auf meinen Zimmernachbarn Jan aus Bad Salzuflen. Er braucht etwas länger, da er sich vor ein paar Tagen eine Sehne gezerrt hat und den Fuß noch ausgiebig verarzten und stützen muss. Wir starten gemeinsam im Schneckentempo Richtung Villafranca del Bierzo und unterhalten uns etwas über unser Leben in und um Bielefeld.

Leider ist die Gesellschaft nur von kurzer Dauer, denn nach gerade einmal zwei Kilometern tut sein Fuß so schlimm weh, dass er sich im nächsten Dorf direkt eine Herberge sucht. Hoffen wir mal, dass sich sein Gesundheitszustand schnell bessert und er seinen Weg fortsetzen kann.

Ich gehe also alleine weiter und treffe immer mal wieder die beiden Asiatinnen, mit denen ich mir in den letzten Tagen schon häufiger ein unbeabsichtigtes Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert habe. Die beiden zarten Persönchen sind mit viel zu großen Rucksäcken und genauso großen Schlafsäcken bepackt, tragen voller Stolz ihre riesigen Wanderstöcke vor sich her und brüllen jedem, den sie sehen, aus voller Kehle ein quietschendes „Buen camino“ entgegen. Irgendwie süß, hehe.

Camino Francés: Durch Weinberge nach Villafranca del Bierzo

Der Weg nach Villafranca del Bierzo ist deutlich länger als gedacht. Sollten das nicht eigentlich nur ein paar Kilometer sein? Hätte ich das gewusst, hätte ich morgens doch noch gefrühstückt – aber irgendwie dachte ich, dass ich das verbleibende Stückchen bis in die Stadt einfach ganz schnell erledige und dann eine ausgiebige Pause machen kann. Falsch gedacht. Es geht kreuz und quer durch Weinberge und bunte Felder und die ersten Sonnenstrahlen lassen die Landschaft golden leuchten.

Die Schönheit der Natur nimmt allerdings ein jähes Ende, als ich durch den nächsten Ort komme. Um mich herum liegt ein komplett zerfallenes Dorf, in dem selbst die Katzen auf der Türschwelle nicht sonderlich glücklich aussehen. Ich sehe keinen einzigen Menschen, es ist absolut gar nichts los und alles kaputt. Die amateurhaft wirkenden Baustellen reihen sich aneinander und bei diesem tristen Stückchen Erde kommt mir nur ein Gedanke: Schnell weitergehen!

Nach vielen Feldwegen erreiche ich endlich, endlich, endlich Villafranca und setze mich in die erste Bar am Ortseingang. Im Normalfall ist das ja immer keine gute Idee, allerdings gelten auf dem Jakobsweg andere Gesetze und oft hat sich die erstbeste Bar einer Stadt tatsächlich auch als eine gute Wahl herausgestellt. Heute ist dem aber natürlich nicht so. Es ist halb elf und ich bestelle mir ein Schokocroissant und einen Teller Pasta. Die Kellnerin schockiert das nicht mal sonderlich, denn am Nebentisch sitzen bereits die beiden Asiatinnen vor einem riesigen Teller Patatas mit knoblauchlastiger Aioli.

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Meine Nudeln entpuppen sich mal wieder als Mikrowellen-TK-Gericht und das Croissant ist abgepackt und schmeckt katastrophal. Nach der Hälfte des Croissants gebe ich auf und widme mich meinen Nudeln, die immerhin ganz okay schmecken. Wie weit ist es noch bis Santiago? Naja, ein paar Tage habe ich noch vor mir. Und dann werde ich jedes Restaurant aufsuchen, das nicht diesen Pilger-Einheitsfraß anbietet. Das Traurige ist ja: Ich war schon so oft in Spanien – und es dauert immer nur zwei oder drei Tage, bis ich das einheimische Essen nicht mehr sehen kann. Vermutlich werden die spanische Küche und ich keine Freunde mehr. Jedenfalls nicht in diesem Leben.

Karma is a bitch?! – Zeche prellen auf dem Jakobsweg

Ich verlasse den Laden missmutig und setze den Camino fort. Ein paar Straßen weiter stelle ich fest, dass die Kellnerin vergessen hat, die 1,50 € für das Croissant zu berechnen. Zumindest steht es gar nicht auf dem Kassenzettel. Für den Bruchteil einer Sekunde denke ich tatsächlich darüber nach, zu der Bar zurückzugehen, um nicht ungewollt die Zeche geprellt zu haben. Andererseits… Ist ja nicht meine Schuld. Und das Croissant war echt eklig… Also egal. Scheiß drauf. Falls Karma wirklich ’ne Bitch ist, habe ich jetzt eben Pech gehabt.

Villafranca ist an sich ein wirklich schönes Städtchen, aber ich folge im Eiltempo dem Camino und habe in kürzester Zeit schon den Ortsausgang erreicht. So sehr beeilen hätte ich mich wirklich nicht müssen, denn die kommenden Kilometer werden richtig, richtig langweilig. Es geht auf dem Asphaltweg neben einer großen Straße vorbei und landschaftlich tut sich rein gar nix. Stattdessen suche ich aber krampfhaft nach interessanten Details – und kann gerade noch rechtzeitig ausweichen, um nicht auf eine Ameise zu treten.

Jakobsweg: Ich schaffe ihn tatsächlich!

Ich bücke mich und gucke mir genau an, was das kleine Wesen da so macht: Auf dem Rücken hat es ein unglaublich großes Blatt, das von A nach B geschleppt wird. Es ist natürlich nicht das erste Mal, dass ich so etwas sehe. Ameisen sind schließlich bekannt für ihre Meisterleistungen im Gewichtheben. Trotzdem hat es hier und jetzt irgendwie noch einen ganz anderen Stellenwert, denn der surreale Anblick erinnert mich an den Camino. An den Jakobsweg, der irgendwie so unüberwindbar erschien und manchmal auch immer noch erscheint. Aber trotzdem funktioniert es eben.

Die Straße nimmt kein Ende und ich trällere lautstark vor mich hin, was gerade so in den Kopf kommt. Ursprünglich hatte ich geplant, bis nach Vega de Valcarce zu gehen, aber ich entscheide mich spontan dazu, nach 22 Kilometern in La Portela de Valcarce zu bleiben, die Gelenke noch etwas zu schonen und mal einen etwas ruhigeren Tag einzulegen.

Camino Francés: Durch die Montes de León nach Galicien

Der Vorteil: Am nächsten Tag geht es den Berg hoch, der nach Galicien führt. Auf dem Höhenprofil ist das ein ganz schöner Aufstieg und ich gönne mir heute nochmal etwas Ruhe und kann dann morgen in einem Rutsch bis nach Fonfría gehen. Die 26 Kilometer sollten mittlerweile kein Problem mehr darstellen. Außerdem hatte ich in Cacabelos einen Unterkunftsflyer von einer Herberge in Fonfría gesehen – und da möchte ich unbedingt hin!

Um 15 Uhr bin ich der einzige Gaste in der Herberge und bekomme für die üblichen 10 € ein Bett in einem 3-Personen-Schlafsaal. Dieser ist nicht nur sehr sauber, sondern verfügt auch noch über ein eigenes Bad und eine separate Toilette. Bis zum Abend kommt auch niemand mehr und ich habe das Zimmer für mich alleine – absoluter Hotel-Luxus, zumal die Herberge in meinem Wanderführer als „sehr einfach“ beschrieben ist, was nicht gerade wie eine Empfehlung klingt. Die paar Seiten, die ich aus dem Buch noch habe, sind irgendwie auch überflüssig. Ich schmeiße alles weg und bin ab sofort komplett auf die Markierungen auf dem Camino angewiesen.

Camino Francés: Frühstück in Vega de Valcarce

Die Nacht hält mich deutlich länger im Bett, als ich es von den letzten Wochen gewohnt bin. Wenn man schon mal so ein nahezu luxuriöses Einzelzimmer hat, in dem man sogar mal in Ruhe arbeiten kann, muss man die Situation nutzen. Und das sieht in meinem Fall so aus, dass ich ausnahmsweise mal erst um acht Uhr aufbreche.

Da in meiner Herberge alles dunkel und auch das Restaurant im Erdgeschoss nicht besetzt ist, mache ich mich auf den Weg und finde erst in Vega de Valcarce die erste Möglichkeit für ein Frühstück. Die Panadería Cerezales entschädigt allerdings für die lange Essenssuche, denn ein Stück Tarta de Santiago und eine Gemüsepastete wappnen mich für die anvisierten 26 Kilometer.

Ziemlich vollgefressen verlasse ich die Bäckerei und werde nach nur wenigen Metern von jemandem angesprochen, der sich brennend für mein Schuhwerk und die Verfassung meiner Füße interessiert. Bevor ich genervt sein kann, stellt sich heraus, dass er meine Flip Flops voll cool findet. Und dass er Christian heißt und aus… Kopenhagen kommt. Ach, schon wieder?! Irgendwie sind die Dänen offenbar die einzigen Pilger, die sich für nackte Füße auf dem Camino begeistern können. Allmählich fängt das Wikingervolk an, mir zu gefallen, haha.

Jakobsweg: Auf dem Pferd zum O Cebreiro reiten?

Christian erzählt mir ungefragt seine gesamte Lebensgeschichte, die ich mir geduldig anhöre. Auch das ist so eine Sache auf dem Jakobsweg: Ziemlich viele Pilger haben einen ganz akuten Redebedarf und können es kaum erwarten, ihre persönliche Story loszuwerden. Da er aber ja mein Schuhwerk anhimmelt und darüber hinaus auch noch kaum glauben kann, dass ich Deutsche bin, lasse ich den Redeschwall mal über mich ergehen. Es ist ja nicht so, dass ich nicht als Deutsche erkannt werden will, aber es geht schon irgendwie runter wie Öl, wenn man so sehr für seine Englischkenntnisse gelobt wird und angeblich auch gar keinen Akzent hört – insbesondere weil man viele Deutsche durch ihre harte Aussprache direkt beim ersten Satz enttarnen kann…

Wir quatschen noch eine ganze Weile und ich erobere mir auch tatsächlich noch ein bisschen Redeanteil zurück. Am Fuße des Berges stehen doch allen Ernstes Pferde, auf denen man für schlappe 35 € den Berg hinaufreiten kann, um sich die harte körperliche Arbeit zu sparen. Ja, der Aufstieg über La Faba bis zur galicischen Grenze am O Cebreiro ist sicher nicht ohne. Aber… Seriously? Ganz schön nervig, wie hier alles kommerzialisiert ist. Und auch unglaublich, wie viele Pilger sich tatsächlich auf eins der Pferde schwingen – und sich für den Abstieg schon mal ein Mountainbike reservieren lassen…

Der Aufstieg bis nach La Faba ist gar nicht so schlimm wie erwartet – das einzig Schlimme sind die Reiter, die oftmals der Meinung sind, dass sie, nur weil sie für so einen blöden Gaul bezahlt haben, jetzt einen Sonderstatus genießen. Ständig muss ich am schmalen Wegesrand stehenbleiben und warten, bis alle vorbeigezogen sind. Vorzugsweise laut untereinander gackernd und ohne sich dafür zu bedanken, dass sich alle Pilger nach ihnen richten müssen. Wir schaffen den Weg nach La Faba auch ohne die eine PS und setzen uns in der vegetarischen Bar El Refugio auf einen superleckeren, frischen Saft.

Waldbrände in Galicien: Atemnot auf dem Jakobsweg

Während wir auf der Terrasse der Bar sitzen, kommt relativ plötzlich ein richtig unangenehmer Geruch auf. Zuerst verdächtige ich noch die spanische Rauchertruppe neben uns, aber nach wenigen Minuten ist klar, dass selbst die fünf Tabakschleudern nicht einen solchen Gestank fabrizieren können. Ein dichter Rauch steigt vom Tal aus auf und niemand weiß so genau, was eigentlich los ist. Laut der Anwohner gibt es wohl einen Waldbrand – bei weitem nicht der erste in der Gegend. So wirklich beeindruckt scheint von den heftigen Rauchschwaden niemand zu sein, aber sie steigen nach und nach immer höher und ich kriege richtig böse Hustanfälle.

Schnell verabschiede ich mich von Christian und hechte los. Ich muss unbedingt oben ankommen, bevor mich der Brand einholt. In welcher Richtung sich das Feuer befindet, weiß ich nach wie vor nicht – aber angeblich ist alles sicher und unter Kontrolle. Oben auf dem Berg sind die Luftverhältnisse noch nicht so schlimm, aber leider steigt der Rauch deutlich schneller Richtung Himmel als ich gehen kann. Auf halbem Wege zwischen La Faba und O Cebreiro habe ich schlimme Kreislaufprobleme und Kopfschmerzen, muss alle paar Meter was trinken und kann kaum noch atmen. Überall hört man Löschhubschrauber, kann sie wegen des dichten Rauchs aber nicht sehen. Ich huste mir die Seele aus dem Leib und hoffe inständig, dass ich nicht zusammenbreche.

Mit Ach und Krach erreiche ich den nächsten Ort und falle regelrecht durch die Eingangstür der einzigen Bar. Nachdem ich mich ausgehustet habe, bestelle ich erst einmal was zu trinken und nehme mir vor, in Ruhe abzuwarten, bis sich meine körperliche Gesamtverfassung wieder verbessert hat. Über eine Stunde sitze ich so da und nippe an meiner Cola. Mir geht es immer noch schrecklich und ich frage nach, ob es in der Herberge über der Bar wohl noch ein Bett gibt. Da ich so früh dran bin, komme ich sogar als erster Gast in die Albergue und lege mich nach einer ausgiebigen Dusche vollkommen erschöpft aufs Bett. Nach nur 12 Kilometern statt geplanten 27.

Brandstiftung oder Hitzewelle? – Waldbrände in Spanien

Meine Klamotten riechen grausam und ich frage Google, was es mit diesem Waldbrand auf sich hat. Die Spanier halten sich nämlich irgendwie ziemlich bedeckt und sehen das Ganze offenbar so locker, dass ich das Gefühl habe, dass es hier nicht zum ersten Mal brennt. Laut Internet gab es in und um Galicien in den letzten Wochen immer wieder neue Waldbrände, die wohl mutwillig gelegt wurden. Warum das jemand tun sollte, erschließt sich mir zwar nicht, aber Arschlöcher gibt es ja überall. Auch über mein persönliches Leid hinweg verdammt übel, denn es wurde schon unglaublich viel Waldfläche zerstört und die Natur leidet ganz gewaltig.

Von draußen höre ich Glocken. Kuhglocken, ganz eindeutig. Das kann ich mir nicht entgehen lassen und ich rappele mich ächzend auf und gehe ans Fenster. Tatsächlich: Hier oben auf dem Berg ist es wohl nicht ungewöhnlich, dass eine riesige Kuhherde quer über die Straße getrieben wird. Wo ich schon wieder auf den Beinen bin, krame ich meine Sachen zusammen und setze mich mit meinem Laptop in die Bar.

Während ich mein Mittagessen verputze, kommt Antonio wie aus dem Nichts freudestrahlend auf mich zu. Nachdem ich mit Michael die mörderische 35-Kilometer-Etappe gemacht hatte, habe ich eigentlich nicht mehr wirklich damit gerechnet, ihn noch einmal wiederzutreffen. Umso größer ist unsere Freude, zumal er neuerdings mit Snaedis unterwegs ist – einer Isländerin, mit der ich in der Albergue Verde schon kurz gequatscht hatte.

Gestrandet in La Laguna: Jakobsweg kurz vor O Cebreiro

Wir trinken gemeinsam ein Gläschen und die beiden machen sich erneut auf den Weg, um noch O Cebreiro zu erreichen. Manche Pilger stecken den Rauch gut weg und lassen sich kaum etwas anmerken. Wie das geht, ist mir unbegreiflich, denn obwohl ich mich nur noch in geschlossenen Räumen aufhalte, zittere ich schon seit Stunden am ganzen Körper und fühle mich wie kurz vorm Kollaps.

Damit bin ich allerdings nicht alleine, denn der ein oder andere Pilger strandet genau wie ich in La Laguna und beendet den Aufstieg früher als geplant. Eine andere Pilgerin ist bei ihrer Ankunft direkt ins Bett gegangen und bis zum Abend auch nicht mehr aufgestanden. Um acht Uhr liege auch ich im Bett. Mir ist immer noch schrecklich schwindlig und durch die verräuchterten Klamotten riecht auch das ganze Zimmer nach Osterfeuer. „Morgen muss ich auf jeden Fall waschen“, ist mein letzter Gedanke, bevor ich einschlafe.

 

Gespannt, wie es weitergeht? Hier findest du die Etappen 31 und 32!

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