Du weißt, dass du auf dem Jakobsweg unterwegs bist, wenn du abends ins Bett gehst und dir ganz sicher bist, dass du am kommenden Tag nicht einen einzigen Schritt wirst gehen können. Und du am nächsten Morgen einfach aufstehst, deine Sachen packst, den Rucksack auf die Schultern hievst und den Camino fortsetzt. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und meine Willensstärke ist offenbar bedeutend besser als ursprünglich angenommen.

War es vielleicht eine Wunderheilung? Dem Sangria sei Dank? Auf den letzten Metern der zweiten Etappe hatte ich die Bekanntschaft von Jennifer aus den USA und Kike aus Spanien gemacht. Da sich herausstellte, dass Letzterer Geburtstag hatte, verbrachten wir den Abend noch recht lange in den beiden Bars an der Ecke von Zubiri und stießen fleißig auf seinen Ehrentag an.

Später im Hostel hatte ich ein paar Probleme mit dem Einschlafen, denn es wurde wieder fleißig geschnarcht. Jaja, ich weiß. Ohrenstöpsel wären gut. Ich hasse die Dinger aber. Entweder die nerven mich so tödlich in meinem Gehörgang, dass ich auch nicht einschlafen kann und sie nach ein paar Minuten in die Ecke pfeffere… oder ich verliere sie von ganz allein.

Jakobsweg Etappe 3: Vorfreude auf Pamplona

Mein Reiseführer* verrät mir, dass die geplante Etappe nach Pamplona den leichtesten Schwierigkeitsgrad hat. Und bereits nach der Hälfte der Strecke bin ich mir sicher, dass nur drei Unterscheidungsstufen definitiv zu wenig sind – DAS soll einfach sein?

Aber gut, der Reihe nach. Mit riesigen Blasen überlege ich am Morgen, wie ich weiter vorgehen soll. Ohne dass ich jemanden um Hilfe bitte, schüttet mir jemand Trocknungspulver in die Schuhe, ein anderer drückt mir seine Blasencreme auf die Füße. Ich beschwere mich nicht, kann ja nur gut sein.

Eigentlich hatte ich schon meine Sandalen rausgestellt, denn am Vortag konnte ich mit meinen gigantischen Blasen nur noch in Flip Flops halbwegs schmerzfrei laufen. Am Morgen sieht es aber gar nicht mehr so zappenduster aus: Ich klebe alles mit meinen Blasenpflastern ab, ziehe meine dicken Wandersocken an und stecke die Füße wieder in meine Sneakers. Die Dinger federn gut ab, ich gehe wie auf Wolken und die Blasen an den Zehen merke ich eigentlich nur ganz leicht.

Dafür tut mein rechtes Knie allerdings ganz schön weh. Aber zusammen mit meiner neuen spanisch-amerikanischen Wanderbegleitung läuft es sich gleich viel besser und wir haben sogar mehr oder weniger dasselbe Tempo, wandern mal nebeneinander, mal mit einigen Metern Abstand.

Jakobsweg: Aufgeben? Es muss doch eine andere Lösung geben!

Nach etwa einem Drittel der heutigen 20 Kilometer befindet sich eine kleine Bar, in der ich auch Jennifer und Kike wiedertreffe – die letzten Meter war ich allein unterwegs, da ich immer langsamer wurde und die erneuten Abstiege mein Knie so schmerzen ließen, dass ich es so gut es ging gestreckt hielt. Ein paar Snacks und eine kalte Cola später konnte ich kaum noch von meinem Stuhl aufstehen, vor Schmerz schossen mir die Tränen in die Augen. Aufgeben? Jetzt schon? Nein, nein, nein – das geht nicht!

Kike hatte mich bereits gefragt, ob ich was von seinem Verbandszeug haben wollen würde. Ganz ehrlich: Ich hatte nix dergleichen (außer Blasenpflaster und Co.) eingepackt. Nicht, weil ich faul oder dumm bin, sondern weil ich sowieso nicht wüsste, wie ich das Zeug richtig benutze. Und weil ich aus meiner bisherigen Reiseerfahrung weiß, dass immer irgendjemand viel zu viel Krams dabei hat und man sich im Notfall gegenseitig unterstützt. Kike drückt mir Tape und Mullbinde in die Hand, unsere Krankenschwester Jennifer verarztet mich fachmännisch und ich falle ihr vor Freude um den Hals, weil es mir direkt so viel besser geht. Noch kurz vor der Pilgerstatue posiert und es kann weitergehen.

Camino Francés: Wenn zwei Blessierte sich gegenseitig pushen

Es ist gerade Halbzeit, da geht es schon wieder einen Abhang hinauf und ich weiß, dass dann irgendwann auch wieder der Abstieg kommt. Das Höhenprofil sah doch für heute eigentlich so easy aus? Naja, hab ich wohl falsch interpretiert. Mit einem übermäßig freundlichen und aufgesetzten „Buen caminooo“ rennen (ja, so kann man es nennen) drei Frauen an mir vorbei und ich könnte kotzen.

Meine neuen Freundinnen wieder. Die US-Amerikanerinnen, denen ich schon bei der Pyrenäenüberquerung am liebsten ein fröhliches „Fuck you“ entgegengeträllert hätte. Ich würde übrigens gerne eine Petition starten: Wer zu faul ist, sein eigenes Gepäck selbst zu tragen, und es sich stattdessen im Taxi hinterherfahren lässt, dem sollte es schlicht und einfach verboten werden, irgendjemanden anzusprechen. Jawohl. Grrr.

Ich versuche, die blöden Kühe zu ignorieren, steige mit meinem linken Bein immer ein Stück nach oben und ziehe das rechte so gerade wie möglich hinterher. Alle paar Minuten nähert sich jemand auf dem schmalen Pfad von hinten und ich suche eine kleine Aussparung im Gebüsch, damit man mich überholen kann. Irgendwann höre ich aber nur ein „Don‘t worry about the speed – I‘m not faster“.

Tomas aus Uruguay trabt hinter mir her und während mein rechtes Knie damit droht, jeden Moment zu platzen, geht es ihm mit dem linken Knie genauso. Die Idee, einfach zu tauschen, sodass einer die beiden guten Knie bekommt und der andere sich einfach auf den Weg setzt und weint, wird allerdings nicht umgesetzt (warum nur?) – stattdessen pushen wir uns gegenseitig.

Jakobsweg: Noch 10… 8… 5… 4… 3… Kilometer bis Pamplona

Immer wenn einer von uns nicht mehr kann, ziehen wir den anderen mit und motivieren uns gegenseitig. Vielleicht war es Schicksal, denn wir beide waren uns da oben auf dem Berg sicher, dass wir diese 10 Kilometer niemals mehr schaffen würden. Aber während ein paar interessanten Gesprächsthemen und mit geteiltem Leid läuft es sich direkt viel besser. Als wir den höchsten Punkt erreicht haben und nun „nur“ noch Abstieg und flache Strecke auf uns warten, knipsen wir noch gegenseitig Fotos von uns und sind froh, uns getroffen zu haben.

Die letzten Meter durch die Stadtmauern von Pamplona sind ein Hin und Her zwischen unglaublichen Schmerzen und Vorfreude auf das langersehnte Bett. Als wir dort um halb drei nach siebeneinhalb Stunden (angesetzt waren sechs) endlich in der Albergue Jesús y María einchecken, ist man dort schon bei Bettnummer 80.

Eine Stunde später hängt bereits ein Schild an der Tür: voll. Die Herberge ist in einer Kirche und bietet keinerlei Privatsphäre. Während viele darüber meckern, gefällt sie mir ausgesprochen gut und – auch wenn es mal wieder keine Bettdecken gibt – schlafe ich auf den Matratzen sehr gut.

Camino de Santiago: Fiesta in Pamplona? Ja. Aber… Nein.

Drei Franzosen, denen ich in den vorherigen Tagen schon häufiger begegnet war, beenden ihren Camino wie geplant in Pamplona und schenken mir ihre Salben und Tabletten. Ich massiere mein rechtes Knie mit Diclophenac, lege mir die Voltaren-Tabletten bereit, steche meine Blasen auf und klebe alles gut ab – und mache mich zusammen mit Tomas auf die Suche nach Abendessen. In Flip Flops. Sieht sehr lustig aus, denn von meinen Zehen sind nur noch vier Stück nicht verbunden. Dafür ist alles schön symmetrisch und ich behaupte einfach immer grinsend, es handele sich um den neuesten Modetrend, hihi.

In Pamplona tobt gerade ein Stadtfest: Musikanten ziehen durch die Straßen, überall sind Marktstände mit regionalen Produkten aufgebaut und gefühlt ganz Pamplona ist in der Stadt unterwegs. Im Normalfall würde ich mir so etwas ja nicht entgehen lassen, aber irgendwie möchte ich mich nur noch auf mein Bett legen. Tomas und ich gehen also noch ein paar Tapas essen. Und: Ich hatte ganz vergessen, wie billig das in Spanien normalerweise ist.

In den Bars entlang des Caminos spürt man doch deutlich, dass dort Touristenpreise genommen werden. Hier in Pamplona zahle ich für zwei Teller Tapas und zwei Gläser Sangria nur knapp 9 € und bin im Siebten Himmel angekommen. Die Stimmung in der Bar Mesón de la Nabarrería tobt, die Mitarbeiter und Gäste sind (wie aus Spanien gewohnt) megafreundlich und das Essen superlecker.

Der Superstar des Jakobswegs: Jeder kennt Candy

Mein kleines, dickes Lieblingshippo hängt natürlich wieder seit Beginn des Jakobswegs an meinem Rucksack und baumelt bei jedem Schritt lustig hin und her. Wenn ich manchmal ausnahmsweise etwas länger niemanden sehe (kommt sehr selten vor, da so viele Pilger unterwegs sind), unterhalte ich mich einfach mal mit Candy und jammere etwas rum. Die Hippodame hat es selbstverständlich einfacher als ich und kann sich maximal über Nackenstarre durch das viele Bondage am Backpack beschweren.

Meist ist es aber eher so, dass ich umgeben von vielen anderen Pilgern bin. Nach dem dritten Tag kennt fast die ganze Pilgergemeinschaft das Kuschelhippo und jeder erkennt mich aus der Ferne. Ständig werde ich nach dem Hintergrund gefragt und erzähle stolz, dass Candy mich schon seit Ewigkeiten um die ganze Welt begleitet und ein Geschenk meines Mannes gewesen ist, als ich fünfzehn war.

Das finden dann irgendwie immer alle süß und jeder, der mich (beziehungsweise uns) schon kennt, begrüßt Candy im Vorbeigehen – manche sogar tatsächlich mit Namen – oder streichelt ihre Nase. Vielleicht bringt es ja Glück für den Camino?

Pläne für den nächsten Tag – Wie geht es weiter?

Nichtsdestotrotz bin ich ganz schön lädiert. Einerseits weiß ich, dass ich über anderthalb Wochen Puffer habe und mir nach den anstrengenden Tagen der Pyrenäenüberquerung ruhig eine kleine Pause gönnen könnte. Andererseits verliere ich dann die aus den Augen, die ich auf den ersten Etappen schon so sehr ins Herz geschlossen habe. Mein Körper schreit mir aber zu, dass ich es ruhiger angehen muss – und ich höre auf ihn. Zu groß ist die Angst, sonst in ein paar Tagen komplett abbrechen zu müssen.

Für den nächsten Tag nehme ich mir also vor, etwas länger (sprich: mal bis 07:30 Uhr, was ein Luxus…) zu schlafen, ausgiebig frühstücken zu gehen und mir eine spanische SIM-Karte zu besorgen, damit ich abends endlich wieder vernünftig arbeiten kann. Danach möchte ich nur die ersten fünf Kilometer der nächsten Etappe machen und den Berg erst einen Tag später in Angriff nehmen. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass es immer irgendwie weitergeht – also lege ich mich schlafen und mache mir erstmal noch keine Sorgen wegen des nächsten Morgens.

Interessiert, wie es weiter geht? Hier geht’s zum vierten und fünften Teil.

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