Es gibt diese Tage, an denen ich ganz fest an Schicksal glaube. Oder eben an irgendeine höhere Macht, die auf uns aufpasst. Nicht wirklich an Gott. Aber daran, dass alles, was passiert, für irgendetwas gut ist und auf uns gewartet hat. So auch mal wieder während meiner Etappe nach Estella, als mein Knie mir zu verstehen gibt, dass ich nicht mehr alle Latten am Zaun habe, diesen verdammten Jakobsweg zu gehen. Und ganz plötzlich, wie aus dem Nichts, erscheint mein persönlicher Schutzengel und rettet mir den Tag.

Als ich morgens in völliger Dunkelheit in Puente la Reina aufbreche, bin ich ziemlich nachdenklich. Wo die anderen jetzt wohl sind, die mit mir am gleichen Tag gestartet sind? Ob ich sie wohl nochmal wiedertreffe? Zum Beispiel John, dem ich bis Pamplona jeden Abend wieder in der Herberge begegnet bin? Der mich morgens motiviert, den Weg trotz Knieproblemen zu rocken, und mich abends euphorisch beglückwünscht, dass ich schon wieder eine Etappe geschafft habe? Ich weiß es nicht. Aber irgendwie ist es auch egal, schließlich wollte ich den Weg eigentlich mit mir alleine gehen.

So zumindest der Plan. Aber nach den ersten Tagen, an denen ich letztendlich dann doch recht selten allein war, sieht die Sache etwas anders aus. Man kommt so schnell mit anderen Pilgern ins Gespräch und unterhält sich teilweise, als würde man sich schon ewig kennen. Die Gesprächsthemen sind meist ganz andere als die, die man aus dem Alltag so kennt.

Es fragt niemand nach Erfolg im Beruf beziehungsweise nach der Sprosse der Karriereleiter, auf der man gerade steht. Eine Frage, die alle viel brennender interessiert: „Und, warum gehst du den Camino?“ – Die Antworten darauf sind oft ähnlich, aber doch immer individuell. Die meisten Pilger sind erstaunlich offen und ehrlich und irgendwie fühlt es sich an, als würde jeder auf diesem Weg direkt zum Teil einer großen Familie werden.

Jakobsweg: Von Puente la Reina nach Cirauqui

Die ersten sieben oder acht Kilometer sind schon geschafft, als ich in Cirauqui ankomme. Das Städtchen hat schon aus weiter Ferne auf sich aufmerksam gemacht, denn es befindet sich auf einem kleinen Hügel und begrüßt die ankommenden Pilger schon von weitem.

Mein erster Punkt auf der Tagesordnung: ganz dringend Frühstück finden. Ich bin am Verhungern. Morgens schnappe ich mir eigentlich immer nur meinen Rucksack (den ich am Vorabend gepackt habe), ziehe mich schnell an, putze mir die Zähne und laufe los. Gefällt mir ganz gut, denn so kann ich einfach dort frühstücken, wo es mir gefällt.

Cirauqui ist zwar ein hübsches Plätzchen – hat aber irgendwie nicht so die Frühstück-Offenbarung in petto. Zumindest latsche ich den gelben Pfeilen hinterher und stelle irgendwann fest, dass es allmählich schleunigst Zeit wird, bevor ich den Ortsausgang erreiche. Was macht eine hungrige Caro also in ihrer Not?

Holt sich an einem Mini-Markt ein Schokocroissant und eine Dose Zitronenlimonade (pssst, sag nix: Ich verbrenne hier massig Kalorien, ungesund ist okay, haha) und setzt sich auf die Plastikmöbel vor der Tür. In bester Gesellschaft versteht sich: Der Hahn von nebenan freut sich riesig über meine Croissantkrümel – und macht mich mit seinem Gekrähe fast taub. Meine Fresse, wie laut so ein Hahn ist, wenn er direkt vor deinen Füßen zeigen muss, dass er der Coolste ist…

SOS auf dem Jakobsweg: Das Schnecken-Taxi macht sich bereit

Wo wir gerade schon beim Thema Tiere sind. Ich habe eine neue Berufung gefunden. Seit ich die Pyrenäenüberquerung hinter mich gebracht habe (und damit ohne Regen und Nebel auch wieder etwas sehen kann…), kleben nicht nur ständig kleine Häuschenschnecken im Gestrüpp am Wegesrand, nein.

Alle paar Meter sitzt ein besonders dickes Exemplar mitten auf dem Camino und ich weiß genau, dass zwischen schweren Wanderstiefeln und -stöcken nicht unbedingt der beste Platz für eine Schnecke ist, die sich mit Rekordgeschwindigkeit von A nach B bewegt.

Außer mir scheint kaum jemand diese Schnecken wahrzunehmen, die meisten Pilger schauen nur geradeaus. Aber mir ist aufgefallen, dass mein Blick erstaunlich oft nach unten geht. Auf meine Füße, auf den Weg. Auf das, was direkt vor mir liegt. Und so bücke ich mich (gar nicht so leicht mit dem Rucksack, aber ich gewinne an Übung), hebe die schleimigen Weggefährten vorsichtig hoch und setze sie auf der anderen Seite ins Gras. Es bricht mir fast das Herz, als mich eine Pilgerin von hinten überholt und – ohne es zu merken – mit ihren dicken Boots auf ein Exemplar tritt, das knackend nachgibt. Ich weiß, es ist nur eine Schnecke. Aber irgendwie macht es mich trotzdem traurig.

Wanderstiefel, Sportschuhe, Flip Flops?

Puh, wie lange ich im Vorfeld über das richtige Schuhwerk nachgegrübelt habe. Ganz ehrlich? Ich mag Schuhe nicht. Ja gut, doch, ich mag, wie sie aussehen. Ich stehe auch nach wie vor oft vor Schaufenstern und gucke mir ganz begeistert Schuhe an, die ich in meinem Leben vermutlich nie (mehr) kaufen werde. Aber seit ich so viel reise, habe ich die Freiheit meiner Füße für mich entdeckt und trage am liebsten Flip Flops*, in denen ich die Luft auf der Haut spüre und meine Zehen frei bewegen kann. Im Frühling bin ich auch in Deutschland grundsätzlich die Erste, die das feste Schuhwerk in den Schrank verbannt.

Nun stand aber der Jakobsweg an. Und absolut JEDER, dem ich von meinem Vorhaben erzählt habe, hat mir einen Vogel gezeigt und gesagt, dass ich auf gar keinen Fall in Flip Flops gehen könnte. Eigentlich sind es gar keine richtigen Flip Flops, denn sie haben sogar noch ein Riemchen aus Gummi um den Knöchel – die Spanier sagen zu solchen Gummilatschen einfach einheitlich „chanclas“. Trotzdem, das Meinungsbild war eindeutig. Keine Flip Flops. Zu instabil, zu gefährlich, zu kalt. Und sowieso… Das wäre doch wohl klar, dass man das nicht machen könne, wofür gibt es schließlich Wanderschuhe?! Also entschied ich mich als Kompromiss für meine Nikes, die auch sehr bequem sind, mich aber nach ein paar Tagen trotzdem nerven, zumal die Blasen allmählich echt ziemlich drücken.

Jakobsweg: Verzweiflung nach halber Tagesetappe

Erwähnte ich bereits meine drückenden Schuhe? Ah, ja. Ich werfe einen schnellen Blick auf Google Maps, um zu schauen, wie weit es noch so ungefähr ist. Dummerweise sortiert mich das GPS fälschlicherweise bereits in Villatuerta und nicht in Lorca (wo ich wirklich bin) ein und es fällt mir erst später auf. Mist, das sind noch einige Kilometer und jeder Schritt ist mittlerweile eine Qual. Trotzdem kämpfe ich mich irgendwie aus dem kleinen Ort heraus und befinde mich schnell wieder auf dem offenen Feld. Warum quäle ich mich eigentlich mit diesen verdammten Schuhen, obwohl ich die ganze Zeit schon meine Sandalen tragen will?

Pfff, mir jetzt auch egal. Ich setze mich mitten auf dem Camino in den Staub, schäle meine Füße aus den Schuhen und den Socken, rupfe die ganzen Blasenpflaster ab, verstaue sie in meinem Rucksack und schlüpfe in meine Sandalen. Was ein geiles Gefühl, ich wackele kurz mit den Zehen, springe wieder in die Senkrechte uuund… Habe natürlich vergessen, dass es meinen Füßen jetzt zwar direkt besser geht, mein Knie aber nach wie vor saumäßig wehtut. Ernüchterung. Wie weit ist es denn wohl noch? Fünf Kilometer? Sechs? Vielleicht auch noch mehr. Ich setze meinen Rucksack wieder auf und schlurfe resigniert los.

Jakobsweg: Und wenn du denkst, es geht nicht mehr…

Ich trotte vor mich hin und bin mittlerweile taub vor Schmerzen. Mit jedem Schritt fühlt es sich an, als würde mir jemand ein Messer durch die Kniescheibe rammen. Ob es wohl überhaupt gut ist, trotzdem weiterzugehen? Aber was soll ich anderes machen, schließlich befinde ich mich mitten im Nichts und habe mir geschworen, auf keine anderen Transportmittel als meine Füße zurückzugreifen – entweder ich mache diesen Weg richtig oder eben gar nicht. Vielleicht doch eine Schmerztablette…? Nee, auch doof, damit betäube ich den Schmerz ja nur und merke nicht, wenn es eventuell noch schlimmer wird. Verzweiflung macht sich breit. Es sind noch weit über 600 Kilometer bis Santiago.

„Oh look, it’s Candy!“, dringt es durch meinen Nebel aus totaler Hoffnungslosigkeit. Hmm? Ich bin es ja schon gewohnt, dass sich viele Pilger eher an den Namen meines Kuschelhippos erinnern als an meinen eigenen. Aber wer könnte das sein? Ich drehe mich um und erblicke zwei bekannte Gesichter. Mit den beiden Amerikanern habe ich eigentlich nicht sonderlich viele Worte gewechselt, aber wir grüßen uns quasi täglich und tauschen uns kurz über die aktuellen News aus.

Aber da ist noch ein dritter Pilger, den die beiden scheinbar erst seit einigen Kilometern im Schlepptau haben: Rafael aus Barcelona ist heilfroh, als er feststellt, dass ich Spanisch spreche – er latscht nämlich bereits seit einer ganzen Weile durch die Gegend und kann sich mit niemandem unterhalten, da er kein Englisch versteht.

Camino Francés: Ablenkung ist die beste Medizin

Es ist lustig. Genau in dem Moment, in dem ich dringend Hilfe brauche, biegt also Rafael um die Ecke und begleitet mich ab sofort auf den kommenden Kilometern. Wir unterhalten uns gut und Rafael gibt mir den Antrieb, der mir gerade gefehlt hat. Natürlich, die Schmerzen gehen davon auch nicht weg. Aber zumindest für den Moment sind sie erträglich, da ich nicht mehr jede Sekunde daran denke.

Während ich mich gerade beim besten Willen nicht danach fühle, auf dem Jakobsweg zu posieren, freut sich meine neue Begleitung, dass ich ein paar Fotos von ihm schießen kann. Und ist begeistert: „Wow, tolle Fotos! Endlich mal jemand, der mir nicht den Kopf abschneidet oder nur den Hintergrund fokussiert“ – jaja, das Bloggerauge für den perfekten Winkel. Da geht man dann eben auch trotz Schmerzen in die Hocke, um das Beste rauszuholen. An der riesigen Kirche am Ortseingang kann ich dann aber nicht widerstehen, schnappe mir Candy und drapiere uns neben dem ganz dezenten Eingangstor.

Schwer zu glauben, aber plötzlich sind wir in Estella-Lizarra. Vielleicht war mein Kopf einfach zu sehr damit beschäftigt, verständliche Sätze auf Spanisch zu formulieren, dass die Schmerzen in den Hintergrund gerückt sind. Vielleicht lag es auch daran, dass wir auf den letzten zwei oder drei Kilometern vor einem sehr gruseligen Franzosen mit quäkender Stimme flüchten mussten, der mit so ziemlich jedem Pilger lautstark Kontakt herstellen wollte und ganz sicher auch zu denen gehört, die man dann nie, nie wieder loswird. Irgendwie tut er mir leid, denn alle ergreifen sofort die Flucht. Aber nein, es geht mir gerade schon selbst mies genug, da muss ich nicht auch noch auf Heilsarmee machen.

Jakobsweg: Endlich angekommen im wunderschönen Estella

In der Albergue Municipal falle ich auf den ersten Stuhl, den ich finden kann. Den Ablauf (Personalausweis, Pilgerpass und Geld abgeben – warten) kenne ich mittlerweile auswendig und bin gerade einfach nur froh, dass es noch Betten für uns gibt. Jetzt noch eine andere Unterkunft suchen, das wäre wirklich das Allerletzte, auf das ich noch Lust hätte. Die Herberge ist für 6 € pro Person sehr schön, aber leider bekommen wir ein Zimmer im zweiten Stockwerk und der Anblick der Treppe ruft bei mir bereits Panik hervor. Allerdings habe ich die Rechnung nicht mit meinem Schutzengel gemacht: Der 60-jährige Rafael schnappt sich auch noch meinen Rucksack, schleppt alles nach oben.

Ich husche schnell unter die Dusche, um mich danach einfach nur noch ausruhen zu können. Als ich wenige Minuten später zurück ins Zimmer komme, hat Rafael mein Bett bezogen und mir einen Beutel mit Eiswürfeln für mein Knie geholt. Ob ich ihm nur noch schnell meine Schmutzwäsche geben könne, dann würde er direkt alles zusammen waschen. Ich weiß nicht was ich sagen soll, bin total überfordert und breche fast in Tränen aus. Ich bin es nicht gewohnt, dass sich jemand vollkommen Fremdes so um mich kümmert – Hilfe geben, ja. Das kann ich gut. Aber Hilfe annehmen? Darin bin ich echt ziemlich schlecht.

Auf dem Jakobsweg über seine Grenzen hinauswachsen

Ja, scheinbar hält der Jakobsweg für jeden andere Aufgaben bereit. Und scheinbar muss auch eine eigentlich starke Kämpferin lernen, dass es durchaus in Ordnung ist, Schwäche zu zeigen und verwundbar zu sein. Ich lege mich in mein Bett und es dauert nur wenige Minuten, bis ich eingeschlafen bin – so groß ist die Erschöpfung. Als ich zwei Stunden später wieder wach werde, drückt mir Rafael meine gewaschene und getrocknete Wäsche in die Hand und stellt zufrieden fest, dass ich nicht mehr ganz so erledigt aussehe wie bei unserer Ankunft.

Gemeinsam schlendern wir durch Estella und für mich ist es bisher der schönste Ort des Caminos: Die kleine Stadt liegt an einem Fluss, die Häuser wurden hübsch ans Ufer gebaut und die Ruhe, die dieses Panorama ausstrahlt, ist einfach unbeschreiblich.

Wir kaufen noch schnell etwas frisches Gemüse und eine Packung Nudeln und ich revanchiere mich für die vielen kleinen Gesten meines katalanischen Schutzengels, indem ich uns ein leckeres Abendessen koche. Eigentlich ist es unser Mittagessen, aber wie immer kriegt man in den Orten entlang des Jakobsweges zwischen 15 und 17 Uhr nur schwer etwas zu essen. Und wie das eben so ist… Man hat natürlich GENAU DANN Hunger.

Camino Francés: Ausruhen und zu neuen Kräften kommen

Am Abend geht Rafael noch ein Gläschen trinken. Er würde mich gern mitnehmen, aber obwohl ich schon den halben Nachmittag verschlafen habe, fühle ich mich mehr danach, früh ins Bett zu gehen. Ich klettere umständlich (auaaa!) auf mein Etagenbett, schmiere noch etwas Salbe aufs Knie und kuschel mich mit Candy im Arm unter meine Decke. Als Rafael später zur Sperrstunde wiederkommt, tippt er mich kurz an und drückt mir ein kleines Beutelchen in die Hand. Neue Eiswürfel.

 

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