Varzaneh ist ein klassisches Beispiel für iranische Gastfreundschaft und Traditionen. Und gleichzeitig ist die kleine Stadt in der Wüste, etwa 100 Kilometer von Isfahan entfernt, irgendwie ganz anders als die Reiseziele entlang der Touristenroute. Traditionell umhüllen weiße Tschadors die Frauen von Varzaneh, auch wenn die jüngere Generation (wie auch im Rest des Landes) mittlerweile eher zum „modischen“ Schwarz greift. Hier, inmitten der Wüste, ist man fernab der Zivilisation, die Polizei begegnet einem nur selten und zwischen den Sanddünen läuft alles entspannter ab als in der Stadt.

Es war schon nach 17 Uhr, als wir am Jey Terminal in Isfahan ankamen – dem Busbahnhof, von dem aus die Busse Richtung Osten fahren. Die Mitarbeiter am Schalter zeigten auf den Ausgang und erklärten kurz und knapp in brüchigem Englisch, dass es für die Busse nach Varzaneh keine Tickets geben würde.

Wir sollten einfach draußen auf dem Hof warten und dem Fahrer nach der Fahrt beim Aussteigen 3.000 Toman (also 30.000 Rial, was etwa 75 Cent entspricht) geben. 75 Cent für über 100 Kilometer? Kein schlechter Deal, dachten wir, und waren uns nicht ganz sicher, ob wir uns vielleicht verhört hatten. Wir würden es erfahren, der Bus sollte um 18 Uhr abfahren.

Problem #1: Gastfreundlicher Busfahrer oder Psychopath?

Nachdem uns ein kleines, süßes Mädchen an der Bushaltestelle schon ungefragt eine Mini-Gurke geschenkt und wir uns mit einem Stück Lübecker Marzipan revanchiert hatten, ging es in den Bus. Da wir etwas getrödelt hatten (in der Blechkiste wollten wir nicht unbedingt noch eine halbe Stunde länger sitzen, immerhin sollte die Fahrt schon über 2 Stunden dauern), war dieser schon ziemlich voll – der Busfahrer hatte uns aber einfach mal mit zwei Plastiktüten die Plätze hinter sich reserviert und bedeutete uns nun, uns doch zu setzen.

Wir klapperten Richtung Osten und ließen gefühlt im 2-Minuten-Takt irgendjemanden ein- oder aussteigen – tatsächlich: Jeder, der ausstieg, drückte dem Fahrer ein zusammengeknülltes Bündel Scheine in die Hand, abgezählte 30.000 Rial.

Irgendwann war es bereits dunkel und wir waren die letzten Fahrgäste – die Einheimischen waren alle in den Dörfern oder mitten im Nichts vor Varzaneh ausgestiegen. Der Busfahrer hatte mich bereits während der gesamten Fahrt im Rückspiegel fixiert und als ich ihm sagte, dass wir nun auch aussteigen müssten, fuhr er einfach weiter. Wir standen auf, zeigten auf die Tür, riefen mehrfach „Stooopp“ – aber nichts geschah, der Bus fuhr weiter, der Fahrer weigerte sich anzuhalten und deutete mehrfach auf sein Handy, rief jemanden an, den er auf Persisch zublubberte. Ein paar Minuten später hielt unser Fahrer hinter der Stadt in einer dunklen Hauseinfahrt, wo ein zweiter Mann wartete. Uns sackte das Herz in die Hose und wir überlegten kurzzeitig, ob man uns jetzt wohl entführen wollte.

Der zweite Mann stellte sich als Freund des Busfahrers heraus, der uns mit minimalen Englischkenntnissen im Namen des Fahrers einlud, doch bei diesem zu übernachten. Wir könnten bei ihm essen, schlafen und am nächsten Tag würde er mit uns in die Wüste fahren. Ich muss dir sicher nicht erklären, wie das auf zwei europäische Frauen, die spätabends ungefragt in eine dunkle Einfahrt gebracht werden, klingt, oder?! Wir bedankten uns, hievten die Backpacks auf unseren Rücken und nahmen die Beine in die Hand. Schnellen Schrittes marschierten wir zurück Richtung Stadt, wo wir nach etwa 2 Kilometern ankamen – der Busfahrer hatte uns auf den ersten Metern noch im Auto verfolgt und versucht, uns umzustimmen.

Problem #2: Wie finden wir unseren Couchsurfing-Gastgeber?

Wir hatten uns schon ein Hostel als Notfallplan auf der Karte notiert, denn unser Couchsurfing-Host hatte sich seit Tagen nicht mehr über die Plattform gemeldet und mir auch vorher nur eine Handynummer geschickt. Wir setzten uns im Ortskern von Varzaneh in eins der wenigen Restaurants (eher: Imbissstuben), bestellten uns ein Getränk und fragten, ob wir das Telefon benutzen dürften. Durften wir. Nur dummerweise gab das Telefon nur ein „Nummer nicht vorhanden“ von sich. Na hurra, das ging ja gut weiter – wir sahen uns schon beim Einchecken ins Hostel.

Natürlich hatten wir die Rechnung aber wieder nicht mit der iranischen Gastfreundschaft gemacht. Mit Händen und Füßen fragte man uns, wen wir denn suchen würden. Varzaneh sei ja schließlich nicht so groß. Da wir uns aber nicht sicher waren, ob wir unseren Gastgeber nicht vielleicht in die Kacke reiten würden (Couchsurfing im Iran ist ja so eine Sache), winkten wir ab und bedankten uns. Währenddessen hatte der Restaurantbesitzer aber über meine Schulter gespäht und den Namen „Amir“ gelesen. In Varzaneh gibt es vermutlich eine ganze Reihe von Amirs, aber fünf Minuten später stand „unser“ Amir vor uns – er war nämlich gerade im Hinterzimmer, weil er zufällig in der gleichen Imbissstube sein Abendessen abholen wollte. Zufälle gibt’s!

Problem #3: Wir wurden vergessen!

Wir waren nicht entführt worden und hatten unseren Gastgeber doch noch gefunden. Trotzdem hatte die Sache einen Haken: Wir wurden vergessen. Amir hatte in den letzten Tagen kein Internet (weshalb er sich nicht mehr gemeldet hatte) und irgendwie verpeilt, dass wir unterwegs zu ihm waren. Vermutlich wäre es aber das Schlimmste überhaupt für einen Iraner, ein schlechter Gastgeber zu sein. Also wurde schnell eine befreundete Familie organisiert, die uns eine gesamte Wohnung im Obergeschoss zur Verfügung stellte, wo wir auf dem Perserteppich unser Nachtlager aufschlagen konnten. Sie zeigten uns am Tag darauf auch die gesamte Umgebung, fütterten uns regelmäßig mit superleckerem Essen und ließen uns für zwei Nächte Teil der Familie sein. Richtig cool, echt!

Übrigens: Als wir Amir die Geschichte von dem gruseligen Busfahrer erzählten, konnte der unsere Empörung absolut nicht nachvollziehen. Das sei doch ganz normal, wir hätten ruhig dort bleiben können – Iraner seien einfach nur sehr gastfreundliche Menschen. Er habe sich aber gerade kürzlich gewundert, wieso eine Australierin plötzlich so sauer war, als er ihr angeboten hatte, bei ihm zu übernachten. Nun gut, wir erklärten ihm dann, was westliche Frauen so denken, wenn ihnen ein „Come to my house for sleep“ angeboten wird…

Sehenswürdigkeiten Varzaneh: Was du nicht verpassen solltest

Von Varzaneh aus ist es nur eine kurze Autofahrt bis in die gigantischen Sanddünen. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einem kleinen Kontrollpunkt vorbei, an dem unser neuer Couchsurfing-Gastgeber freundlich winkte und weiterfuhr. Die Sanddünen sind ein beliebtes Ziel für Schulausflüge – und so tummelten sich unzählige Gruppen von kleinen Jungs im Sand, rannten motiviert die Dünen hinauf und rollten kreischend wieder runter.

Hier, (gefühlt) weit ab von der Zivilisation, läuft alles etwas anders: Hier ist niemand, der die Sitten des Landes oder der Religion verteidigt. Und so wurde uns schon nach wenigen Sekunden gesagt, dass wir unsere Kopftücher und Schuhe einfach im Auto lassen könnten – aber natürlich wieder aufsetzen bzw. anziehen, sobald wir den Kontrollpunkt erneut passieren und zurück auf die große Straße nach Varzaneh abbiegen. Gott sei Dank habe ich übrigens nicht gewettet, dass ich es sehr wohl schaffe, die Dünen bis nach ganz oben hinaufzurennen. Kleine, leichte Schulkinder mit zu viel Energie schaffen das. Kleine, dicke Caros eher nicht, haha.

Ghurtan: Verlassene Stadt aus Lehm

Bei Ghurtan handelt es sich um eine komplett verlassene Stadt, die ausschließlich aus alten Lehmbauten besteht. In einigen der Häuser kann man bis aufs Dach klettern und dort einen Blick über die Ruinen erhaschen. Je nach Haus empfehlen sich dafür allerdings sehr lange Beine und festes Schuhwerk – da bei mir beides nicht gegeben war, habe ich ausnahmsweise mal nicht jeden Spaß mitgemacht, sondern zwischenzeitlich unten gewartet.

Und jetzt rate mal, welches das einzige Haus ist, das auch noch benutzt wird? Klar, die Moschee. Im Keller eines der Lehmhäuser befinden sich Gebetsteppiche und vieles mehr. Selbst in Begleitung von einer iranischen Familie wurden wir allerdings ziemlich schräg angeguckt. Vermutlich verirren sich Touristen nicht so oft in diese uralte Stadt. So oder so: Freundlich Hallo sagen, Schuhe ausziehen, etwas zaghaft durch die Tür gehen – und es sollte keine Probleme geben.

Landwirtschaft in der Wüste – das geht? Ja!

Auf dem Weg zur bekannten Camel Mill (dazu kommen wir gleich noch) machten wir Halt in einem alten landwirtschaftlichen Betrieb. Als wir in den Hof kamen, saßen die älteren Herrschaften unter einem Dach im Schatten, kauten auf Kautabak herum und gossen sich regelmäßig neuen Tee aus dem riesigen Kessel ein.

Wir wurden eingeladen, uns dazuzusetzen und gegen einen Obolus von umgerechnet etwa 4 € bekamen wir All-You-Can-Drink-Tee, durften uns in den Gästebüchern verewigen und wurden Zeugen einer kleinen Privatvorführung: Eine gigantische Kuh setzte sich bei dem Gesang von einem der Männer in Gang, rannte eine kleine Rampe auf und ab und brachte so den Wassereimer in Bewegung, der Wasser von unterhalb der Erdoberfläche ans Tageslicht beförderte.

Dieses floss dann durch kleine Kanäle im Boden bis zum Weizenfeld, wo es die Erde befeuchtete. Die Kuh hört übrigens nur auf genau diesen einen alten Mann – ein jüngerer ist gerade bei ihm in „Ausbildung“, damit er das Ganze fortsetzen kann.

Varzaneh: Fotoshooting in längst vergangenen Zeiten

Die Kamelmühle in Varzaneh gehört schon eher zu den touristischen Highlights der Region – auch wenn diese an sich eigentlich eher weniger touristisch ist. Vor allem, wenn man sie mit Isfahan vergleicht. Nachdem wir uns schon angesehen hatten, wie die Kuh das Wasser für das Weizenfeld nach oben transportiert, ging es weiter in die Mühle, in der ein Kamel das steinerne Mahlwerk in Bewegung setzt und so die Weizenkörner zu Mehl zermalmt.

Natürlich durften wir uns das aber auch erst anschauen, nachdem wir… Na, was denkst du?! Klar, erstmal eine Tasse Tee in der glühenden Mittagshitze trinken, sonst passiert im Iran nämlich mal so gar nichts, haha.

Das viel größere Highlight der Kamelmühle war aber die Kleiderkammer, in der wir uns in Schale schmeißen konnten. Antje und ich, die neuen Models, kleideten uns von Kopf bis Fuß neu ein und posierten fleißig für die Kamera. In einem schweren, roten Rock (der wog gefühlt fünf Kilo…), einer weißen Bluse und grünen Weste und einem floralen Kopftuch durften wir das Gelände genauer in Augenschein nehmen, Esel streicheln, auf den Kamelen ums Haus reiten – und noch mehr Tee trinken.

Das Ganze kostete uns nur 5 € und hat einen Heidenspaß gemacht. Auch wenn es verdammt schwer ist, mit so vielen Klamotten auf ein Kamel zu klettern. Und ich echt ziemlich froh war, den ganzen Krempel bei den Temperaturen nach etwa einer halben Stunde wieder ausziehen zu können!

 

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