Bielefeld hat ganz schön viele Wanderwege. So viele, dass ich sie vor unserer Weltreise ganz sicher nicht mehr alle schaffen werde. Mit meiner Freundin Antje bin ich aber in guter Gesellschaft und nachdem wir das System mit der Wegekennzeichnung dann endlich drin hatten, hat es unglaublichen Spaß gemacht, von einem Leinewebermännchen zum nächsten zu marschieren. Warum habe ich dieses Hobby eigentlich erst jetzt entdeckt? Schnitzeljagd war doch schon als Kind immer ein Heidenspaß.

Anfang März hat es mich zum ersten Mal seit langer Zeit in die Wanderschuhe verschlagen. Am Vorabend hatte ich noch schnell die Flüge für den Jakobsweg, den ich im September in Saint-Jean-Pied-de-Port starten werde, gebucht. Ich kenne mich ja. Nach der ersten kleinen Test-Wanderung würde ich sicher einen Höllenmuskelkater haben, mich für total bescheuert erklären und das Projekt Camino Francés um ein weiteres Jahr aufschieben – das geht mittlerweile nämlich seit 2013 so. Nur ist das dieses Mal nicht drin, denn nächstes Jahr sind Simon und ich schon auf gemeinsamer Weltreise und mein Göttergatte hat nicht so wirklich Lust auf 800 Kilometer Plackerei.

Vorbereitungen auf den Leineweberweg Bielefeld

Ja gut, du wirst jetzt sicher lachen. Der gute Leineweberweg besteht gerade einmal aus popeligen 13,6 Kilometern und sollte eigentlich ganz locker abspaziert werden können. Wenn man sich wegen Schmerzen, Arztmarathon und Operation vier Monate lang so gut wie gar nicht bewegt, dafür aber noch einiges an Speck angesetzt hat, sieht die Sache mit der Kondition und der Belastbarkeit der Füße doch wieder anders aus. Zumal Antje und ich beide nicht so wirklich einen Plan hatten, wie genau das denn wohl mit der Wegekennzeichnung laufen würden.

Da wir erst am Nachmittag starten konnten und es momentan ja noch früh dunkel wird, war schnell klar, dass wir den Weg auch wirklich in der „richtigen“ Richtung gehen würden – von Jöllenbeck, über das platte Land, bis zum Leineweberdenkmal in der Bielefelder Altstadt. Die Region in Ostwestfalen ist historisch für die Produktion, Verarbeitung und den Handel von Leinen bekannt. Ein gewisser Jobst Heinrich Heienbrok (zu meiner Schande gestehe ich: Der gute Mann war Leineweber, ich hab den Namen aber noch nie zuvor gehört) soll für das 1909 entstandene Leineweberdenkmal Modell gestanden haben und dafür über mehrere Monate täglich von Jöllenbeck zum Bildhauer nach Bielefeld gewandert sein. 2014 wurde der Wanderweg vom Heimatverein Jöllenbeck ausgewiesen.

Startpunkt: Das Adlerdenkmal in Jöllenbeck

Von Bielefeld haben wir die Stadtbahn-Linie 1 genommen und sind bis zur Endstation nach Schildesche gefahren, wo wir direkt in einen Bus nach Jöllenbeck (Linie 55/155/156) einsteigen konnten – eine Strecke, die mir wohlbekannt ist, allerdings nur für ungeliebte Zahnarztbesuche… Als wir kurz darauf an der Haltestelle „Adlerdenkmal“ ausstiegen, standen uns die Fragezeichen in den Augen. Joa. Wo sollte das Denkmal denn sein? Bestimmt irgendwo den kleinen Pfad runter?!

Nachdem wir ein paar Minuten gesucht hatten, gingen wir zurück zur Straße und in dem Moment, als Antje ein resigniertes „Also ich glaube nicht, dass wir es hier noch…“ von sich gab, erblickte ich den blöden Vogel endlich: „Daaa, da ist er!“ – nur zur Info: Das Teil steht direkt am Kreisel an der Hauptstraße. Wir Heldinnen vom Dienst hätten bei der Busfahrt vielleicht weniger quatschen und mehr aus dem Fenster schauen sollen, haha.

Startschwierigkeiten – Part II

An einem Freitagnachmittag ist im kleinen Jöllenbeck ganz schön viel los. Zumindest genug, um direkt das zweite Leinewebermännchen zu verpassen, einige Minuten weiter geradeaus zu laufen und irgendwann mal auf die Idee zu kommen, dass der angeblich so schöne Wanderweg wohl kaum noch weiter an der Hauptstraße entlangführen kann. Somit war unser Vorsatz, auf Google Maps zu verzichten, bereits nach fünf Minuten wieder verworfen und mit einigen Schlenkern fanden wir zum Heimathaus und hatten ab da einen Run: „Guck mal, da ist schon wieder so ein Männchen!“

Der erste Teil des Weges führte uns durch Theesen, vorbei am Moorbachtal und bis nach Schildesche. Unterwegs gab es einige Straßen, Wald- und Feldwege, auf denen uns fast keine Menschenseele begegnet ist. Nur wir und die Natur. Krass, sogar mein klingelndes Handy in der Jackentasche konnte ich komplett ignorieren und ab dem Moment war klar: Wandern eignet sich hervorragend als Meditation. Um vom Alltagsstress abzuschalten, um diesen ganzen Social-Media-Wahn für ein paar Stunden hinter sich zu lassen. Reicht schließlich auch, erst nach der Wanderung ein paar Fotos zu teilen.

Highlights auf dem Leineweberweg Bielefeld

Kennst du eigentlich das Gefühl, wenn man so ganz tief die Luft in sich einatmet? Ich liebe das total. Und vielleicht hältst du mich jetzt für verrückt, aber ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Ort auf dieser Welt irgendwie seinen ganz eigenen Geruch hat. Während wir also vor uns hin latschten und uns wie so oft endlos über philosophische Fragen, politisches Geschehen und persönliche Weltanschauungen unterhielten, kam bei mir wieder dieses Gefühl auf. Saftiges Gras, frische Luft, matschige Erde. Der Duft des Leineweberweges.

Im Bultkamp-Grünzug konnten wir es nicht bleiben lassen, uns am Trimm-dich-Pfad zu versuchen. Sind natürlich kläglich gescheitert. Wahrscheinlich hat das Teil zum Gewichtheben einfach geklemmt. Oder wir haben tatsächlich so viel Pudding in den Armen, dass sich partout nix bewegen wollte. Da ich Letzteres nicht wahrhaben möchte, gehe ich einfach mal davon aus, dass es eben kaputt war. Und der Barren war halt auch schlicht und einfach viel zu hoch, haha.

Nachdem wir dem Schloßhofbach bis zum Meierteich gefolgt waren, erblickten wir innerhalb von kurzer Zeit gleich zwei coole Highlights des Weges. Erstens: Der Jakobsweg kreuzt den Leineweberweg und so konnte ich bereits hier in Bielefeld schon einmal einen Blick auf die ominöse Jakobsmuschel als Kennzeichnung des Caminos werfen.

Eine kleine kulinarische Pause

Zweitens: Die Wanderung des Tages brachte uns genau am türkischen Restaurant Anavarza (Update Juli 2017: leider geschlossen) vorbei – Antjes Stammlokal. Das Essen dort ist wirklich lecker und in Anbetracht der Tatsache, dass unsere Mägen echt böse knurrten und wir auch nur noch etwa zwei Kilometer vor uns hatten, war die Sache klar. Zumal es mittlerweile schon stockdunkel war.

Next time: Höhenprofile anschauen

Bei nur knapp 14 Kilometern hatte ich es nicht für nötig befunden, mir das Höhenprofil im Vorfeld genauer anzuschauen. Was sich allerdings als Fehler herausstellte, denn auf den letzten Metern führt die Wegstrecke noch komplett über den Johannisberg. Mit vollem Magen stapften wir also bergauf und mussten wohl oder übel wieder unseren guten alten Freund Google Maps zur Hilfe nehmen – da oben gibt es nämlich nicht sonderlich viele Laternen und unser Vorhaben war inzwischen zu einer echten Nachtwanderung geworden.

Alles aber halb so wild, denn als wir oben angekommen waren, wurden wir mit einer wunderbar beleuchteten Aussicht über die ganze Stadt belohnt. Auch nach sechs Jahren in Bielefeld entdeckt man also noch etwas Neues. Und hey, das Foto ist doch gar nicht mal so schlecht geworden, wenn man bedenkt, dass ich kein Stativ und auch absolut keine Ahnung von Nachtfotografie habe, oder?

Der Abstieg hat noch einmal richtig Spaß gemacht und letztendlich kamen wir unserem Ziel immer näher. Durch eine wenig vertrauensvolle Unterführung unter dem Ostwestfalendamm kamen wir in die recht verlassene, aber idyllisch wirkende Altstadt, schlenderten gut gelaunt bis zum Alten Markt und anschließend auf den Kirchplatz zum Leineweberdenkmal.

Dort wurden wir nach insgesamt ziemlich genau dreieinhalb Stunden von lauter Musik in mehreren Sprachen, die wir nicht verstehen, und einer Horde vorsaufender Jugendlicher empfangen, die sich in eine Wolke aus Marihuana gehüllt hatten und sich ganz offensichtlich auf das Wochenende einstimmten.

Och nö, das entsprach nun wirklich so gar nicht unserer aktuellen Stimmung. Schnell noch ein Beweisfoto geknipst und wir ließen die Gruppe weiter ihren Spaß haben und machten uns auf den Weg zur Stadtbahnhaltestelle. Ich bin übrigens erstaunt, was die Kamera für Wunder vollbringt. Auf dem gesamten Kirchplatz war es so dunkel, dass wir das Denkmal quasi gar nicht sehen konnten. Die Kamera hat aber trotzdem was sichtbar gemacht. Zwar recht verschwommen, aber who cares?

Wir hatten es auf jeden Fall geschafft und auch wenn im Anschluss ein böser Muskelkater wartete und ich total zerstört erst in die Badewanne und dann ins Bett gefallen bin… Wandern wird definitiv mein neues Hobby!

Bist du den Leineweberweg auch schon mal gewandert?

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