John und Marc von 1 Thing To Do haben zur Blog-Parade aufgerufen und die Frage in den Raum gestellt, was denn eigentlich Slow Travel für mich, dich, uns bedeutet. In diesem Artikel erfährst du, warum nur du allein (ja, du ganz allein!) entscheidest, wie deine Reise auszusehen hat. Und warum es dein gutes Recht ist, Reiseführer, Insider-Tipps und Guided Tours stehen und liegen zu lassen, wenn du keinen Bock drauf hast.

Kurzes Brainstorming und zack: Ich habe direkt das Anti-Bild von Slow Travel in Form von asiatischen Reisegruppen im Kopf und mir kräuseln sich die Fußnägel. Wenn ich mir die vielen Hardcore-Sightseeing-Touristen hier in Paris so anschaue, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass langsames Reisen immer beliebter wird.

Aber was ist Slow Travel eigentlich?

Slow Travel (langsames Reisen) bezeichnet oberflächlich gesehen schlicht und einfach ein Konzept des Reisens. Eins unter vielen anderen. Betrachtet man den Begriff allerdings etwas tiefer, stellt man fest: Slow Travel ist in erster Linie eine (Lebens-)Einstellung! Es geht nicht nur darum, möglichst lange an einem Ort zu verweilen, nein. Es geht vor allem darum, dass du dich selbst fragst, was du dir von deiner Reise eigentlich erwartest.

Du kannst es angehen wie besagte asiatische Reisegruppen und deinen begrenzten Jahresurlaub damit verbringen, von einem Museum zum nächsten zu hetzen und dabei bloß nicht das bunte Fähnchen des Touristenführers aus den Augen zu verlieren. Ja, das kannst du – und wenn du Bock darauf hast, ist es auch vollkommen legitim, denn wie schon gesagt: DU entscheidest.

Du kannst deine Reisen aber auch entschleunigen und im Endeffekt mehr aus ihnen mitnehmen, als wenn du Punkt für Punkt von der To-Do-Liste abhakst, die du dir im Vorfeld fein säuberlich zusammengeschrieben hast. (Auf Basis aller empfehlenswerten Reiseführer, sämtlicher im Trend liegender Reiseblogs und der persönlichen Meinung von Tante Uschi, Hinz und Kunz, einer Bekannten des Nachbarn und so weiter.)

Wie das gehen soll?

Ganz einfach: Lass dich treiben! Bau dir vor deiner Reise nicht schon einen unendlichen Druck auf, indem du jedes Detail über dein Reiseziel auswendig lernst und deine Erwartungen ins Unermessliche steigerst. Du merkst schon, zu welcher Variante ich tendiere, haha. Versteh mich nicht falsch, ich maße mir gar nicht erst an, über andere Reisearten zu urteilen – ich sage nur, dass sie für mich persönlich nicht in Frage kommen und dass jeder Slow Travel zumindest mal ausprobiert haben sollte.

Wir machen mal einen kleinen Vergleich. Du möchtest also in den Urlaub fahren. Stell dir vor, du kommst abends total gestresst und vollbepackt am Reiseziel XY an und das Einzige, was du davon noch siehst, ist der Blick aus dem Taxifenster (schließlich musst du ja am nächsten Tag fit sein!). Bevor du dich, im Hotel angekommen, ins Bett legen kannst, musst du aber erstmal deine To-Do-Liste zücken und nochmal abgleichen, wo du dein Sightseeing am kommenden Tag beginnen musst, um eine möglichst sinnvolle und effektive Tagesroute durch die Stadt zu machen. Freiheit? Urlaub? Entspannung? Klingt nicht danach, oder?

Also back to start. Du kommst also abends gestresst, aber mit möglichst wenig Gepäck am Reiseziel XY an. Da dich niemand hetzt und du am nächsten Tag ausschlafen kannst (hey, du bist schließlich im Urlaub!), entscheidest du dich, mit den Öffis zu deiner Unterkunft zu fahren oder sogar einen Teil des Weges zu Fuß zu gehen. Während du durch die Straßen schlenderst, begegnen dir tausende erste Eindrücke von Orten, die du noch nie gesehen hast und du vergisst, wie gestresst du kurz vorher noch warst.

Wieso? Weil du (mindestens unterbewusst) merkst, dass du nun wirklich im Urlaub angekommen bist! Kein Druck, kein Stress, kein Alltag. Und das ist es doch, was du dir von deiner Reise erhofft hast, oder?

Weniger ist mehr

Wie schon gesagt: Slow Travel ist eine Einstellung. Keine „Scheißegal“-Einstellung, sondern eine sehr bewusste Entscheidung, die du triffst. Du entscheidest dich bewusst dagegen, alles sehen zu müssen (was sowieso ein Ding der Unmöglichkeit ist) und bist auf diese Weise offen und frei für spontane Erlebnisse, die du mit einem durchgetakteten Plan vermutlich nie, nie, nie erleben würdest.

In meinen letzten Ferien war ich ausnahmsweise mal der totale Anti-Slow-Traveller und habe bei meinem Capital-Hopping gleich vier Hauptstädte in zwei Wochen abgeklappert. Der Schein trügt aber etwas, denn bis auf Flug- und Hostelbuchung hatte ich mich auch dieses Mal im Vorfeld um nichts gekümmert, sodass ich in jeder Stadt einfach mal spontan schauen konnte, was mich interessiert und was ich auch ohne vorherige Recherche entdecke.

Es ist DEINE Entscheidung

Im Prinzip ist es nicht anders wie bei vielen anderen Entscheidungen im Leben auch: Du solltest dich nicht abhängig von der Meinung anderer Menschen machen. Ich kam mir anfangs selbst oft etwas blöd vor, meine Art zu reisen vor anderen Leuten zu vertreten. „Du warst in Dublin und hast KEINE Pub Crawl gemacht? Du hast in London NICHT den Tower of London besichtigt? Wie kannst du nur!“

So oder so ähnlich kommen mir immer wieder Statements von Freunden, Bekannten, Fremden entgegen. Mittlerweile denke ich mir aber: Ja und? Ich hatte trotzdem meinen Spaß und habe Dinge erlebt, die nicht vorgefertigt im Reiseführer stehen und dementsprechend für jeden reproduzierbar wären.

Mein persönliches Schlüsselerlebnis hatte ich im letzten Jahr in Casablanca, als ich zum zweiten Mal in Marokko war. Mit der Stadt hatte ich im Vorfeld nicht viel verbunden – außer die Moschee Hassan II, die ich unbedingt besichtigen wollte. Im Prinzip war ich nur deshalb nach Casablanca gefahren, bevor es mich weiter nach Essaouira zog. Das Ende vom Lied war, dass ich die Moschee nur nachts und nur aus weiter Ferne zu Gesicht bekommen habe, obwohl ansonsten nicht ein einziger Plan auf meiner nicht vorhandenen To-Do-Liste stand.

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Wie es dazu kam?

Ich war am ersten Tag ausgiebig durch die Medina und die Innenstadt geschlendert, hatte Couscous gegessen, mir ein paar Souvenirläden etc. von innen angeschaut und im Anschluss auf der Dachterrasse meiner Airbnb-Unterkunft den unglaublich schönen Sonnenuntergang über den Dächern von Casablanca genossen. Aus der geplanten Moschee-Besichtigung wurde letztendlich aber nichts, denn am zweiten Tag lernte ich ein paar nette Einheimische kennen, die mir anboten, mich mit an den Strand zu nehmen, wo sie einen Schnupper-Tauchkurs gebucht hatten.

Nachdem ich meine innere Krise (aaah, ich wollte doch aber in die Moschee!) überwunden hatte, saß ich mit den anderen im Auto Richtung Mohammédia, einige Kilometer außerhalb von Casablanca, wo ich weit und breit die einzige Touristin war und mit meinen blonden Haaren direkt alle Blicke auf mich zog. Während die anderen nacheinander in Tauchausrüstung ins Wasser sprangen, saß ich auf dem Boot, unterhielt mich mit diversen Einheimischen, strahlte mit der Sonne um die Wette und hörte die aus den Boxen dröhnende Musik des Tauchlehrers, die in Deutschland schon seit mindestens zehn Jahren out ist. (In Marokko aber offenbar nicht, denn die gleiche Musik hatte ich bei meiner ersten Reise schon zur Genüge ertragen müssen.)

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Bei meiner Ankunft in Essaouira wurde ich von allen gefragt: „Oh, du kommst gerade aus Casablanca, cool! Ist die Moschee empfehlenswert?“ – Als die Frage zum ersten Mal kam, musste ich laut lachen. Mir war gerade bewusst geworden, dass ich das einzige richtige Highlight von Casablanca (und für viele auch das Highlight des ganzen Landes) gegen einen Tag am Strand mit Einheimischen getauscht hatte. Und ich habe es seitdem nicht eine Minute bereut, denn es war ein tolles, einmaliges Erlebnis – vor allem, weil ich am Morgen noch nicht ansatzweise damit gerechnet hatte.

Du musst dich vor niemandem rechtfertigen!

Mittlerweile stehe ich also zu 100% zu meinem Anti-Touristen-Programm (oh Gott, ich lese irgendwie immer „Anti-Terroristen-Programm“…) und das solltest du auch ruhigen Gewissens tun können. Das Highlight deiner Reise war dieses eine, unglaublich geniale Restaurant? Du hast jeden Morgen das Frühstück verschlafen, weil das Bett so bequem war? Du hast dein bereits gekauftes Busticket verfallen lassen, weil du doch noch länger bleiben wolltest?

Kann alles sein und du musst dich beim besten Willen nicht dafür rechtfertigen, denn am Ende zählt nur eins: Dass du entspannt auf eine geile Reise zurückblicken kannst, die dich glücklich gemacht und nachhaltig etwas in deinem Kopf verändert hat!

Bist du auch ein Slow Traveller? Was war dein geilstes ungeplantes Reiseerlebnis?

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