Vor über zwei Jahren wurde die Luft allmählich dünn und die bedrückende Frage „Wie sage ich meinem Mann, dass ich all das nicht mehr möchte?“ machte sich in meinem Kopf breit. Was ich anfangs noch als kurzzeitiges Hirngespinst (da bin ich nämlich Profi drin) abgetan hatte, erweckte nicht gerade den Anschein, jemals wieder seinen Wohnort wechseln zu wollen. Frustration machte sich breit. Ich konnte nicht mehr verstehen, wie ich bis dato mit der Idealvorstellung „Vollzeitjob, Beamtenstatus, Reihenhaus, Mama-Dasein“ klargekommen war. Ich wollte mehr. Ich wollte die Welt sehen. Was erleben. Dinge tun, die andere als total bescheuert abstempeln. Kurz: Ich wollte leben.

Rückblickend betrachtet weiß ich gar nicht mehr so genau, an welchem Punkt ich damals falsch abgebogen bin. Irgendwie hat sich alles einfach so ergeben. Simon und ich haben uns früh kennengelernt und waren von Anfang an ein richtig gutes Team. Gemeinsame Wohnung. Abi. Studium. Größeres Auto. Verlobung. Größere Wohnung. Hochzeit. Aufbau von Simons Unternehmen. Und dann ist man Mitte 20 und hat zusammen irgendwie bereits alles erreicht, wovon so viele träumen. Die Pille war zwecks Familienplanung schon abgesetzt – und durch das Hormonchaos und die vielen schönen Erinnerungen meiner bisherigen Solo-Reisen erschien mir ein Kind plötzlich viel zu endgültig. Es war, als hätte ich mir selbst einen Strick um den Hals gelegt und gar nicht gemerkt, wie er sich langsam zuzog. Was war passiert?

Der Traum von der perfekten Familie

Ich rede normalerweise nicht gern darüber, aber ja: Ich gehöre wohl zu diesen Scheidungskindern, die einen kleinen Knacks abbekommen haben. Nach der Trennung meiner Eltern stand für mich in kindlicher Naivität fest: Das mache ich alles besser. Ich suche mir jetzt einen Freund, heirate, kriege ein paar Kinder und wir bleiben für immer eine perfekte Familie. Keine Scheidung, keine Skandale, kein Abweichen vom Durchschnitt der Gesellschaft. Dafür ein perfektes Eigenheim, eine perfekt geschnittene Hecke, perfekte Kinder. Alles perfekt.

Ein Wunder eigentlich, dass ich dabei dann aber auch direkt einen Mann kennengelernt habe, der so gut zu mir passt. Sonst säße ich jetzt vermutlich wirklich schon mit einer Horde Kinder in meinem Reihenhaus und müsste mich regelmäßig therapieren lassen.

All das, was ich mir jahrelang eingeredet hatte, war überhaupt nicht das, was ich wollte. Das war einfach nicht ich. Wo waren denn die ganzen Träume, die ich schon als Kind hatte? Der Traum, in einem anderen Land zu leben und mich dort zu integrieren. Der Traum, nach der Schule direkt ins Ausland zu gehen und dort zu arbeiten. Der Traum, irgendwo am anderen Ende der Welt zu studieren.

Stattdessen hatte ich meine sprachliche Leidenschaft in ein Lehramtsstudium verpackt und mich damit abgefunden, dass ich mich bezüglich meiner Reiselust für den Rest meines Lebens auf zwölf Wochen Ferien beschränken müsste. Naja, eigentlich sogar nur sechs im Sommer – mit zwei Korrekturfächern ist bei einer vollen Stelle schließlich nicht viel mehr drin. Ich musste mir eingestehen: Ich hatte mein Leben zu einer Light-Version verkommen lassen.

Trotzdem zusammen weitermachen? Ja!

Simon und ich haben in den letzten Jahren viele unkonventionelle Ideen in die Tat umgesetzt. So sehr ich auch Angst vor einem Krisengespräch hatte, so sehr wusste ich auch, dass es meinem Mann eigentlich tief im Herzen nicht anders ging. Wir sind einfach nicht für die Normal-Gesellschaft gemacht und trotzdem saßen und sitzen viele Normen so extrem fest verankert. Ein bisschen anders waren wir schon immer: Ich, die Neuntklässlerin, die als einziges Mädchen an der Schule einen Freund hat, der schon studiert. Simon, der bereits im Alter von vierzehn Jahren sein eigenes Unternehmen gründete. Ich, die Studentin, die ihr gesamtes Stipendium dafür benutzt, in den Semesterferien Sprachkurse im Ausland zu machen. Simon, der Freund, der sich jahrelang gegen sämtliche chauvinistische Sprüche wehrte und mich einfach mein Ding machen ließ, statt mich „an die kurze Leine zu nehmen“.

Nach 65 Jahren Ehe wurde ein Paar befragt, wie sie es geschafft haben, so lange zusammenzubleiben. Die Frau dachte ein paar Sekunden nach und antwortete: „Wir wurden in einer Zeit geboren, in der man kaputte Dinge reparierte, anstatt sie wegzuwerfen.“

Es stand außer Frage, das jetzt einfach alles hinzuschmeißen. Trotzdem war unser Puzzle oberflächlich betrachtet ziemlich kaputt. Ich weiß gar nicht, wie viele Stunden wir schon damit verbracht haben, uns heulend in den Armen zu liegen und über uns, die Gesellschaft und den Sinn des Lebens zu philosophieren. Aber je mehr wir darüber redeten und uns emotional voreinander nackig machten, desto mehr merkten wir, dass unsere Puzzlestücke gar nicht so verschieden waren, wie wir offenbar dachten.

Zu den wichtigsten Dingen in einer Beziehung gehört es meiner Meinung nach, sich immer zu 100% zueinander zu bekennen und das Grundgerüst niemals anzuzweifeln. Alle Probleme lassen sich irgendwie gemeinsam lösen, alle Zweifel zusammen beseitigen – hält man nur daran fest, dass man auch weiterhin das Leben miteinander verbringen möchte und es für diese eine Sache keine Alternative gibt. Obwohl man natürlich weiß, dass es endlos viele Alternativen gäbe. Vielleicht auch gerade deswegen.

Am Anfang unserer Beziehung vor viiielen Jahren buchten wir einen gemeinsamen Urlaub, den wir erst ein Jahr später machen wollten. Es stand gar nicht erst zur Debatte, ob wir dann denn überhaupt noch zusammen sein würden. Auch als ein paar Tage vor unserer Hochzeitsfeier die endgültige Zusage für ein halbes Jahr in Paris kam, war nicht die Frage, OB wir diese Fernbeziehung zusammen überstehen würden, sondern nur WIE. Eine Partnerschaft lebt von Problemen, die man zu zweit lösen muss. Und sie lebt von gemeinsamen Projekten, die man als Paar in Angriff nimmt. Ansonsten wäre das Zusammenleben in der Tat ziemlich langweilig.

Nach den vielen Projekten aus der Vergangenheit steht nun das wohl größte Projekt vor der Tür, das zwei Menschen beginnen können: einfach absolut alles zu verkaufen, das alte Leben komplett zurückzulassen und sich ins Ungewisse zu stürzen. Ohne festen Wohnsitz und ohne festes Gehalt. Ohne großen Besitz und ohne viel Gepäck. Ohne weitreichende Pläne und vor allem: ohne Abhängigkeiten von gesellschaftlichen Konventionen.

 

Und du? Ich bin gespannt auf deine Meinung zum Thema!

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