Es ist mal wieder ein bisschen wie ein Déjà-Vu. Am 13. November saß ich fassungslos vor dem Fernseher, als ich nachts um halb drei endlich sicher in meiner Wohnung angekommen war. Am 22. März, dem Tag der Anschläge in Brüssel, bin ich in Paris wieder bei jeder Polizeisirene zusammengezuckt. Die vielen Toten in der Türkei, in Bagdad – das alles erschüttert mich zutiefst, auch wenn ich noch nie in diesen Ländern war. Heute sitze ich wieder vor den Nachrichten. Wieder ist es Frankreich. Wieder ein Ort, an dem ich auch schon mal gewesen bin.

Gerade gestern bin ich alle alten Artikel durchgegangen, die ich auf dem Blog veröffentlicht hatte, der eigentlich nur für meine Zeit in Frankreich gedacht war. Eine Zeit, die wunderschön, aber von so viel Angst überschattet war. Ich hatte überlegt, welche der Artikel ich in meinen neuen Blog importieren möchte. Bei zweien war ich mir nicht sicher. Das waren meine Erlebnisse der Pariser Anschläge. Die Bilder im Fernsehen lassen alles wieder hochkommen. Ich weiß, dass ich sowieso schon hochsensibel bin und ich nie einen einzelnen Gedanken haben kann, ohne dass in meinem Kopf eine Kettenreaktion beginnt. 

Warum tun Menschen sowas?

Wie kann man nur so grausam sein?

Wo soll das noch hinführen?

Ich weiß es nicht. In Gedanken bin ich bei den Franzosen, mit denen ich mich so sehr verbunden fühle. Und gleichzeitig habe ich heute Morgen eins beschlossen: Die alten Blogartikel werden hier noch einmal veröffentlicht. Warum? Weil sie ein Teil von mir sind. Weil die Anschläge vom 13. November der Auslöser dafür waren, dass ich endlich darüber nachgedacht habe, was ich eigentlich wirklich aus meinem Leben machen möchte. Weil ich mir in dieser einen Nacht nicht sicher war, ob ich sie überleben würde.

Wahrscheinlich war ich in den letzten Monaten der größte Leser meiner eigenen Artikel, die ich direkt nach den Terroranschlägen aus dem Bauch heraus geschrieben hatte. Mit der Zeit vergisst man so viel wieder. Und ich möchte die Gefühle, die ich in dieser Nacht in Paris hatte, nicht vergessen oder verdrängen – sie zeigen mir, dass das Leben wundervoll ist und ich versuchen sollte, jeden Moment zu genießen, als wäre es mein letzter. Denn eine solche Erfahrung ist ein so viel besserer Arschtritt als jedes bunte Sprüche-Bildchen, das mir bei Facebook auf dem Screen entgegenblinkt.

Freitag, der 13. in Paris: Wenn die Stimmung zu Todesangst kippt

Wenn ich Facebook öffne, überschlagen sich die Nachrichten. Mein WhatsApp-Postfach quillt über. Einige sind sogar wieder zum SMS-Schreiben zurückgekehrt, um zu fragen, wie es mir geht. Und ob ich noch lebe. Gleichzeitig sehe ich Posts aus Deutschland. Von Freunden, die gestern feiern waren. Ganz normal. Und sich jetzt darüber unterhalten. Ich würde es vermutlich genauso machen, wäre ich nicht Teil von den Geschehnissen in Paris. Wären da nicht die ganzen Sirenen, die nach wie vor pausenlos zu hören sind.

Bitte nutzt diesen Post nicht, um in den Kommentaren politische Grundsatzdiskussionen zu beginnen. Ich war mir lange nicht mal sicher, ob ich überhaupt etwas dazu auf meinem Blog schreiben soll. Aber die zig Nachrichten, die mich erreicht haben, kann ich nicht alle einzeln ausführlich beantworten. Von daher hört ihr an dieser Stelle von mir, denn so kann ich euch alle erreichen. Und euch sagen, dass es mir gut geht. Auch wenn das purer Euphemismus ist, denn natürlich geht es mir nicht gut. Aber ich lebe und bin unverletzt.

Wenn die Stimmung kippt

Als wir gestern im Stade de France angekommen sind, war unsere einzige Sorge, dass wir als Deutschland-Fans die absolute Minderheit von gefühlt etwa 0,5 % darstellten. Und auf unseren Sitzplätzen schon die Frankreichflaggen bereitlagen. Zusammen mit unseren ganzen französischen Sitznachbarn mit jedem nur möglichen Migrationshintergrund haben wir auf die deutsch-französische Freundschaft eingeschlagen.

Die Stimmung war magisch. Alle warteten gespannt auf das Spiel, verfolgten aufgeregt das Vorprogramm auf dem Rasen. Tanzten auf ihren Sitzen im Rhythmus der Musik. Mario und ich waren fleißig dabei, Selfies zu posten. Auf Facebook, Twitter, Instagram. Noch nicht ahnend, dass diese Fotos bald dafür verantwortlich sein sollten, dass sich noch mehr Menschen um uns Sorgen machen, als sie es ohnehin getan hätten.

Ich hatte mit meinem Pseudo-Tagebuch-Eintrag hier extra noch gewartet, weil ich dachte „Hey, schreib einfach morgen – nach dem Spiel hast du sicher mehr zu berichten!“ – so war das allerdings nicht gedacht. Und als Mario und ich uns kurz vor Anpfiff sicher waren, dass das ein unvergesslich geiler Abend werden würde, hatten wir auch andere Gedanken. Unvergesslich war er. Geil leider nicht.

Dieses Mal verfolge ich die Medien nicht aus sicherer Entfernung

Mittlerweile starre ich schon so lange auf den Bildschirm und überlege, was ich schreiben soll. Bei jedem Satz korrigiere ich meine Wortwahl, weil Worte einfach so schlecht beschreiben können, was ich gestern erlebt habe. Weil der Schock immer noch so tief sitzt.

Vor meiner ersten Marokko-Reise haben mich alle vor möglichen Attentaten gewarnt und waren höchst besorgt um mich. Zur Beruhigung hatte ich mit einem Hauch von Ironie damals allen gesagt, dass die Islamisten schön blöd wären, Anschläge in einem muslimischen Land zu begehen. Und dass Charlie Hebdo jawohl gezeigt hätte, dass Europa auch nicht sicher ist.

Trotzdem hat sich, als ich nach Paris aufgebrochen bin, niemand Sorgen gemacht. Alle haben mir viel Spaß gewünscht. Warum auch, ist ja Europa. Wir sehen uns dann an Weihnachten. Gestern Abend war ich mir da nicht mehr so sicher, denn ich hatte noch nie in meinem Leben so eine Angst. Ein riesiges Danke an Mario, der seine eigene Panik gut überspielt hat, damit ich nicht kollabiere.

Details, die man am liebsten vergessen würde

Nach dem Anpfiff hörten wir irgendwann eine Explosion von einer Seite des Stadions. Zuerst waren alle schockiert, aber die Blicke gingen wieder auf das Spielfeld. Irgendwann eine zweite Explosion. Von einer anderen Seite. Wir hielten das für makaber in Anbetracht so eines Großereignisses, gingen aber alle davon aus, dass das irgendwie Teil des Programms sein sollte. Und warteten in der zweiten Halbzeit entsprechend auf die beiden Knalle auf unserer Seite.

Die kamen aber nicht. Stattdessen die ersten Nachrichten auf unseren Handys, dass Paris attackiert wird und Hollande schon aus dem Stadion evakuiert wurde. Dass alles umzingelt sei und es viele Tote gebe. Zu dem Zeitpunkt war die Rede von drei Anschlägen. Als Mario mir die erste SMS auf seinem Handy zeigte, habe ich gar nicht realisiert, was da eigentlich stand. Nach etwa zehn Sekunden war das dann in meinem Kopf angekommen: „WAS? Zeig nochmal, bitte“.

Wir wunderten uns schon über die seltsame Stimmung. Nach der Halbzeit wurde das Spiel irgendwie komisch. Die Spieler bolzten nur noch auf den Ball ein. Gleichzeitig erfuhren alle über ihre Handys, dass etwas passiert war. Aber keiner wusste etwas Genaueres. Um eine Massenpanik zu verhindern, wurde nicht ein einziges Wort offiziell erwähnt.

Was es nicht besser macht, wenn die Nachrichten, die die Zuschauer empfangen, sich auf die Eckdaten beschränken. Explosionen in der Nähe des Stadions. 16 Tote. Viele Verletzte. Hollande wurde in Sicherheit gebracht. Bei einem Großereignis wie dem Länderspiel zwischen Deutschland und Frankreich sind natürlich entsprechend alle davon ausgegangen, dass WIR das primäre Anschlagsziel sind.

Steigende Panik

Nach dem Spiel wurde angekündigt, dass die Hälfte der Ausgänge gesperrt wäre. Angeblich sei alles sicher. Gleichzeitig wussten manche Leute schon aus externen Quellen, dass das Stadion komplett umstellt ist. Während meine Familie schon Bescheid wusste, fiel mir ein, dass Simon den Abend in die Sauna gehen wollte und vermutlich jeden Moment ins Auto steigen, das Radio anmachen und den Schock seines Lebens bekommen würde.

Zu dem Zeitpunkt war mir selbst schon sehr flau im Magen, aber ich wählte schnell Simons Nummer, um ihm zu sagen, dass ich weit weg von den Bildern im Fernsehen bin und dass es im Stadion angeblich sicher sei. Der Anruf hat aber leider nicht zur allgemeinen Beruhigung beigetragen, denn in genau dem Moment ging das Gerenne los.

Alle versammelten sich auf dem Spielfeld, kamen von allen Seiten gelaufen, rannten stolpernd und über Absperrungen springend durch das Stadion. Durch die vielen Nachrichten verabschiedete sich mein Handyakku gänzlich, wir hatten Gott sei Dank noch Marios Backsteinhandy, um die ein oder andere Info per SMS von außen zu bekommen.

Einzelne Kinder suchen ihre Eltern. Nach und nach bricht irgendwer zusammen und wird von Sanitätern rausgetragen. Mitten in der Menschenmenge auf einmal ein lauter Knall. Irgendjemand hat ganz offensichtlich nicht nachgedacht und einen Luftballon zertreten. Die vernichtenden Blicke der anderen Zuschauer zeigen ihm aber schnell, dass das keine so coole Aktion war.

Vorbereitungen auf das Schlimmste

Mario hatte mich schon zwischen Absperrung und Sitze in der ersten Reihe gezogen. Ich kann ihm gar nicht oft genug dafür danken, dass er einen kühlen Kopf bewahrt und mir mit extrem ruhiger Stimme erklärt hat, dass wir besser nicht mit auf das Feld zwischen all die Menschen gehen, sondern uns im Ernstfall unter die Sitze verkriechen. Und uns totstellen. Maximale Überlebenschance.

Wenn man das im Fernsehen sieht, kommt einem das alles weit weg vor. Wenn man aber selbst in so einer Situation ist, zieht wirklich das ganze Leben an einem vorbei. Es klingt vielleicht kitschig und hochdramatisch, aber meine einzige Sorge war zwischenzeitlich, dass ich eventuell nicht mehr die Möglichkeit haben würde, mich von meinem Mann zu verabschieden. Während ich das schreibe, laufen schon wieder die Tränen. Ich glaube, ich habe gestern geheult wie ein kleines Kind. Und das, obwohl ich sonst immer so tough bin.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ging es weiter, alle mussten das Stadion über einen einzigen Ausgang verlassen, der Rest war komplett gesperrt. Im Abstand von etwa zwei Metern zueinander Polizisten mit Maschinengewehren. Alle Zugänge zur Metro gesperrt. Wo denn überhaupt hinfahren? Keiner wusste schließlich, wo der Brennpunkt war. Nicht, dass man auf einmal mittendrin ist.

Wir wurden „immer geradeaus in die Richtung“ zum RER in Saint-Denis geschickt. Mit viel Durchfragen (von wegen „immer geradeaus“) kamen wir dort endlich an und stiegen in die Bahn. Die allerdings nicht losfuhr und von der niemand wusste, ob sie überhaupt nochmal fahren würde. Wir entschieden uns dazu, zu Fuß zu gehen. Obwohl der Weg zum Bahnhof mich schon an den Film „The Purge“ erinnert hat und wir bei jeder Bewegung, jedem Geräusch, jeder Auffälligkeit panisch zusammenzuckten.

Saint-Denis ist bekanntlich nicht die ruhigste Ecke, um es vorsichtig zu sagen. Um den Bahnhof fingen die Ersten schon mit dummen Witzen an oder schlugen sich. Kein Taxi in Sicht. Also weiter im Bahnhof warten. Irgendwann fuhr wieder eine Bahn, die uns immerhin schon mal zum Gare du Nord brachte. Wo wir auch kein Taxi fanden – der Fahrer wimmelte ab, als ich ihm sagte, wo wir hinwollten. Was uns nicht gerade beruhigt hat.

Uns blieb also nur der Weg zu Fuß. Gut zwei Kilometer. Zwei Kilometer, bei denen wir bei jedem Schritt Angst vor dem nächsten hatten. Ohne Stadtplan. Einfach in der Hoffnung, uns nicht zu verlaufen und irgendwann anzukommen. Vorzugsweise lebend.

Und dann sieht man die Bilder im Fernsehen

Uns fiel ein riesiger Stein vom Herzen, als wir endlich durch die Haustür waren. Da Mario absolut keine Möglichkeit hatte, noch in seinen südlichen Vorort von Paris zu kommen, habe ich ihm angeboten, mit zu mir zu kommen. Was ehrlich gesagt auch für mich ein großer Vorteil war, denn den Weg nach Hause hätte ich ich ungern allein gemeistert und es hat unglaublich gut getan, mit jemandem Deutsch sprechen zu können und vor allem: Die Nacht nicht ganz allein verbringen zu müssen.

Wie geht es jetzt weiter?

Gute Frage. Ich weiß es nicht. Ich werde nach wie vor mit Nachrichten überschüttet. Gleich ist der Blog-Eintrag fertig und ich kann jeden darauf verweisen, der Näheres wissen möchte. Ich werde gefragt, ob ich in Paris bleibe oder nach Hause komme. Menschen, von denen ich schon ewig nichts gehört habe, sind besorgt um mich. „Verlass bloß nicht das Haus“, heißt es.

Ich habe keine Ahnung, wie es jetzt hier weitergeht. In Paris. In der ganzen Welt. Wo ich letzte Nacht noch die vielen schrecklichen Bilder im Fernsehen gesehen habe, bin ich mir sicher, dass etwas passieren wird. Passieren muss. Aber wenn man selbst dabei war, ist da erstmal nur Ohnmacht. Weil man brutal und unwiderrufbar vor Augen geführt kriegt, wie schnell das eigene Leben vorbei sein kann. Passt auf euch auf! Take care!

Paris: Die Tage „danach“ (18. November 2015)

Diese Woche wollte ich eigentlich meine Blog-Reihe zu den Highlights in Paris beginnen. Aber wie soll das gehen? Paris ist gerade nicht mehr das, was es bis Freitagnachmittag noch war.

Letzte Woche habe ich angefangen, eine Liste mit meinen Lieblingsorten in Paris zu schreiben. Wo ich für euch Blogleser nochmal hingehen wollte. Fotos schießen, Notizen machen, Momente aufsaugen. Momentan würde das aber alles nicht das Paris zeigen, wie ich es kennen- und liebengelernt habe. Deswegen gibt es in diesem Beitrag auch keine Fotos, sondern nur Worte.

„Wut“ und „Angst“ im Kampf um die Pole-Position

Nachdem ich am Samstag den ganzen Tag meine Zimmerwände angestarrt und fassungslos die Nachrichten verfolgt habe, bin ich am Sonntag mit Álvaro (einem Assistenzlehrer aus Bolivien) nach Fontainebleau gefahren. Hauptsache raus aus der Stadt und sich irgendwie ablenken. Weit weg und beschäftigt mit unserem Deutsch-Spanisch-Tandem hat das gut funktioniert.

Eine treffende Beschreibung fehlt nach wie vor

In den Medien liest man überall von „Terroranschlag“, „Angriff auf die westliche Welt“, „Verbrechen gegen die Menschheit“, „Krieg gegen den Terror“. Im Alltag scheinen die Meisten nach wie vor ohnmächtig. Und befinden sich irgendwo zwischen dem Vorhaben, offensiv mit der Thematik umzugehen und dem Versuch, möglichst wenig darüber nachzudenken. Ein bisschen so wie bei Harry Potter, wenn von „Du-weißt-schon-wem“ die Rede ist.

Besonders ergreifend fand ich die Aussage eines Schülers am Montag. Er sagte: „Die Terroristen können doch gar keine Muslime sein. Die haben den Koran nie gelesen. Sonst wüssten sie, dass man keine Unschuldigen töten darf.“ Ein Großteil meiner Schüler ist muslimischen Glaubens. Sie sind mindestens genauso schockiert wie alle anderen – hinzu kommt die Angst, dass nun alle Muslime unter Generalverdacht gestellt werden könnten.

Wunderbar treffend ist meiner Meinung nach der Offene Brief an den Kalifen des IS von Jürgen Todenhöfer, den er schon vor einigen Monaten veröffentlicht hat und in dem er darlegt, wieso der „Islamische Staat“ sich in „Anti-Islamischer Staat“ umbenennen sollte. Nichts ist im Moment wichtiger als der Zusammenhalt aller, ganz egal, welcher Glaubensrichtung.

Ausnahmezustand – ja oder nein?

François Hollande will den aktuellen Zustand für die nächsten drei Monate beibehalten. Auf der einen Seite ist es gut zu wissen, dass Polizei und Militär alles versuchen abzusichern. Auf der anderen Seite verlieren wir hier damit gerade den wichtigsten Wert, den die Terroristen angegriffen haben: unsere Freiheit.

Wenn eine Traumstadt zum Albtraum wird

Und es ist mir momentan unmöglich, irgendwie wieder Normalität in den Alltag zu bekommen. Ich stehe morgens auf und höre schon die Sirenen, die pausenlos durch die Straßen hallen. Auf dem Weg zur Metro bin ich entweder froh, dass meine Linie gerade nicht gesperrt ist oder komme auf den Gedanken, dass es einem fast schon wie russisches Roulette vorkommt, in eine Bahn einzusteigen.

Das Lämpchen für die Station „Oberkampf“ leuchtet immer noch nicht wieder und erinnert an das Grausame, das dort am Freitag geschehen ist. Die Gerüchteküche brodelt dauerhaft und vermischt sich mit den offiziellen Nachrichten – die keineswegs besser werden. Weitere Täter auf der Flucht. Schießereien in Saint-Denis. Eine Frau sprengt sich in die Luft.

Die schönsten Ecken der Stadt sind so stark vom Militär bewacht, dass der unglaubliche Charme, den Paris sonst versprüht, komplett wie weggeblasen ist. Es ist ein beklemmendes Gefühl, durch die Metrostationen zu gehen und sich bei jedem Schritt beobachtet zu fühlen. Sich die ganze Zeit Gedanken zu machen, ob vielleicht gerade ausgerechnet die Person neben einem mehr als nur einen Pullover unter der auffällig dicken Winterjacke trägt. Und mittlerweile sogar schon kontrolliert zu werden, um in einem Supermarkt einkaufen zu gehen.

All das lässt einen vage erahnen, wie schrecklich es für die Menschen in Kriegsgebieten wie Syrien sein muss. Es lässt mich dankbar sein, in einem sicheren Land aufgewachsen zu sein – etwas, worüber ich mir nie Gedanken gemacht habe. Gleichzeitig könnte ich jedes Mal heulen, wenn ich über die vielen Schicksale, die zerstörten Familien und genommenen Lebensträume nachdenke, unter denen andere Menschen leiden müssen.

Zusammenhalten und nach vorne blicken

Natürlich sind alle verunsichert und haben Angst. Viele fragen, ob ich nach Hause fahre. Einige Freunde und Bekannte denken auch wirklich darüber nach, zurück in ihre Heimatländer zu gehen. Keinem, der das tun würde, könnte ich es verübeln. Dennoch habe ich nicht eine Sekunde daran gedacht. Jetzt nach Hause zu fahren und meinen Aufenthalt in meiner Lieblingsstadt abzubrechen würde bedeuten, diesen feigen Mördern den Sieg zu lassen. So lange habe ich mich auf meine Zeit hier in Paris gefreut und ich war bisher jeden Tag dankbar, hier sein zu können.

Es tut weh zu sehen, wie in den sozialen Medien alle aufeinander losgehen. Jeder hat eine Meinung und scheinbar weiß jeder, dass das Verhalten des Westens, der Politiker und der Bevölkerung falsch ist. Aber die, die am lautesten schreien, haben am wenigsten eine Idee, wie man es besser machen könnte.

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das dringende Bedürfnis, mich genauer über die Konflikte im Nahen Osten zu informieren. Auch ich muss gestehen: Bisher war ich mir gar nicht im Klaren darüber, wie schlimm es wirklich ist. Weil die Nachrichten im Fernsehen einen zwar schockieren, man die Bilder durch den Gedanken „Das ist alles weit weg“ aber nicht wirklich greifen kann – es liegt einfach außerhalb der Vorstellungskraft.

Den Triumph dürfen wir ihnen nicht lassen

In einer Sache sind sich alle Franzosen und besonders die Pariser einig: Wir müssen hier jetzt zusammenhalten. Deswegen verschwende ich auch keine Kraft darauf, mich über politische Entscheidungen zu streiten, sondern versuche einfach, stark zu sein.

Damit habe ich momentan schon genug zu tun. Es kostet Überwindung, aber ich werde in den kommenden Tagen, Wochen, Monaten mein Leben hier ganz normal weiterleben. Ich werde weiterhin lachen, tanzen und Spaß haben. All das machen, was diese Terroristen in ihrer Verblendung scheinbar nicht können.

Und dann hoffentlich irgendwann die geplante Paris-Reihe auf meinem Blog nachholen können. Mit Fotos vom echten Paris. Einem bunten, lebensfrohen Paris, das vor kultureller Vielfalt strahlt und alle Möglichkeiten bietet, die das Leben nur bieten kann.

You only live once!

Update (02.12.2016):
Mit diesem Artikel beteilige ich mich an der Blogparade „Mein nachdenklichstes Erlebnis auf Reisen“ von adventureluap.

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