Schon seit zwei Tagen habe ich mein Notfall-Kit immer griffbereit: Eine kleine Mülltüte, Taschentücher, eine Tube Desinfektionsgel und ein Tampon zur Erstversorgung befinden sich im obersten Fach meines Rucksacks und jeder Zeitpunkt ist gerade absolut unpassend, denn ich weiß genau, dass die ersten beiden Tage meiner Periode so starke Schmerzen bedeuten, dass ich nicht mehr klar denken kann. Zwar habe ich Glück und als das Ziehen im Bauch endlich beginnt, müssen wir nur noch drei Kilometer bis zum nächsten Ort gehen – trotzdem knockt mich der Mist total aus. Aber Steve ist Gott sei Dank ein ebenfalls guter Krankenpfleger und merkt, was ich brauche: Zeit für mich und am nächsten Tag jemanden, der mich mitzieht.

Dass mein Kreislauf am Vortag schon mächtig durcheinander war, lag nicht ausschließlich an der krassen Hitze der Meseta. Unmittelbar bevor ich meine Periode bekomme, machen sich bei mir grundsätzlich Kreislaufbeschwerden und teils auch ganz schön heftige Stimmungsschwankungen breit. Entsprechend niedergeschlagen bin ich schon am Morgen, denn ich weiß genau, was auf mich zukommt, und hoffe auf jedem Kilometer, dass ich zumindest bis zur Ankunft verschont bleibe. Bis nach Frómista sind es über 25 Kilometer, weshalb wir uns dazu entscheiden, je nach Kondition spontan vielleicht auch schon einen Ort vorher zu übernachten.

Jakobsweg: Ein Berg auf dem Camino von Castrojeriz nach Frómista

Zu Beginn unserer Tagesetappe steht uns erstmal ein Berg bevor. Nicht sonderlich hoch, dafür geht es aber recht steil nach oben und die Pumpe kommt gut in Gang. Anfangs habe ich noch etwas Sorge um Steve, denn er hat Herzprobleme und einen eingebauten Defibrilator in der Brust, den ich irgendwie ganz schön gruselig finde. Ein paar Tage zuvor durfte ich schon die dicke Metallplatte unter seiner Haut ertasten – was darin endete, dass Steve sich köstlich über meine zittrigen Hände amüsierte. Und nun steht uns dieser Aufstieg bevor. Aber hey, die Pyrenäen und den Alto del Perdón hat er ja auch überlebt, wird also schon werden.

Der Witz an der Sache: Während ich Schnecke noch extrem lahmarschig den Berg hochkrieche und mir mein Herz bis zum Hals schlägt, ist Steve schon längst oben angekommen. Immerhin wird es wohl nicht kollabieren, lache ich, als ich auch endlich den Gipfel erreiche. Steves Messgerät für Herzaktivitäten, mit dem er täglich seine Brust überwacht, hat mir nämlich attestiert, dass meine Pumpe prima in Ordnung ist. Na dann: Man gebe mir mehr Berge, haha.

Camino Francés: Steiler Abstieg in der Meseta

Oben auf dem Berg ist das kleine Häuschen am Rastplatz über und über mit Sprüchen, Namen und motivierenden Zitaten beschrieben. Manch ein Pilger hat sogar eine Jakobsmuschel oder einen Rosenkranz zurückgelassen. Während das erste Sonnenlicht die Landschaft golden schimmern lässt, ruhen wir uns ein bisschen aus und blicken kurz darauf vom Gipfel auf den Camino, der uns in den nächsten Stunden und Tagen bevorsteht: Mit einem Gefälle von 18% geht es steil bergab und uns erwartet eine endlose Weite, die man kaum beschreiben kann.

Genauso wenig kann ich meine Gefühle bei diesem Anblick beschreiben. Es ist ein Auf und Ab von „Ach du Scheiße, DAS wollen wir ALLES gehen?“ und einem „Unglaublich, was alles möglich ist“ – denn natürlich ist der Weg, den wir seit Saint-Jean-Pied-de-Port gegangen sind, viel weiter als dieser verhältnismäßig kleine Ausschnitt des Jakobsweges, auf den wir gerade herabblicken.

Auf dem Weg nach unten gehe ich Serpentinen, um meine Gelenke etwas zu schonen. Mein Knie hat sich mittlerweile beruhigt und ich mache die Schiene ab und verstaue sie im Rucksack. Dummerweise meckert mein Fußknöchel nämlich ganz schön rum. Wenn erstmal irgendwas vom Bewegungsapparat nicht mehr so funktioniert, wie es sollte, verlagert man das Gewicht automatisch und unbewusst etwas anders – natürlicher Gang, hasta la vista. Na, geile Kiste. Jetzt habe ich mein Knie geschont und das Problem einfach nur auf ein anderes Körperteil verlagert. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn einfach mal nichts schmerzen würde…

Unausweichlich: Periode auf dem Jakobsweg

Zu allem Überfluss meldet sich nach ein paar Kilometern auch schon mein Bauch zu Wort. Bei so einer Fernwanderung von mehreren Wochen ist es ja leider unausweichlich, dass man sich mit dem Thema beschäftigen muss. Als ich das erste kleine Ziehen spüre, steht fest: keine Pausen mehr, einfach nur schnell weitergehen und hoffen, dass ich es rechtzeitig schaffe.

Es ist zwar so heiß, dass uns eine Pause auf dem einzigen Rastplatz mit Bäumen sicher guttun würde, allerdings kenne ich mich ja und weiß genau, dass ich mich nicht einen einzigen Zentimeter mehr bewegen werde, wenn ich erstmal irgendwo sitze und die Schmerzen dann richtig losgehen. Ich schmeiße schon mal eine Schmerztablette ein, obwohl ich natürlich weiß, dass die auch nicht viel bringen wird.

Als der Dreck so richtig anfängt, sind es noch drei Kilometer bis Boadillo del Camino, womit ein Weitergehen bis Frómista definitiv flachfällt. Jeder Schritt ist eine Qual und Steve merkt sofort, dass irgendetwas gar nicht stimmt, denn ich bin komplett verstummt und kneife die Lippen vor Schmerz zusammen. Ich versuche, alles um mich herum auszublenden, mich einfach immer nur auf die nächsten Meter zu konzentrieren und gehe trotzdem so gebuckelt, dass selbst ein Blinder sehen würde, dass es mir ganz und gar nicht gutgeht.

Jakobsweg: Endlich in Boadillo del Camino

Steve geht etwas hilflos mit einem Abstand von etwa hundert Metern vor mir her, denn ich sage kein Wort mehr, will auch keine Hilfe, krümme mich vor Schmerzen und habe schon Tränen in den Augen. Alle paar Minuten dreht er sich um – scheinbar um sicherzugehen, ob ich nicht irgendwo unterwegs zusammengeklappt bin. Als wir Boadillo endlich erreichen und in der schönen Pilgerherberge des Hotels En el Camino* einchecken, darf Steve den Papierkram Gott sei Dank für mich erledigen.

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Ich drücke ihm Geld, Ausweis und Pilgerpass in die Hand, werfe noch ein paar Tabletten ein und lege mich eingerollt ins Bett. War ich in Burgos noch die Krankenschwester, ist es nun Steves Aufgabe, sich um unsere Wäsche zu kümmern. „Ich bin so froh, dass ich keine Frau bin“, sind seine letzten mitleidigen Worte, bevor er mich bis zum Abendessen in Ruhe lässt.

Beim Abendessen zeigen die vielen Schmerztabletten ihre Wirkung und ich bin endlich wieder etwas gesprächiger. Das Pilgermenü ist sehr lecker, die Mitarbeiter super – und ausnahmsweise gibt es sogar eine gute Variante für Vegetarier. Im Speisesaal ist eine riesige Tafel mit Deutschen belegt, eine zweite riesige Tafel mit Franzosen. An einem dritten Tisch sitzen scheinbar alle anderen Nationalitäten durcheinander. Allerdings ist dort kein Platz mehr frei und wir werden zu den Franzosen gesetzt, die in kürzester Zeit den gesamten Wein vom Tisch aufgeteilt haben, während am Tisch der Deutschen zusätzlich zum Gratis-Wein des Pilgermenüs ein paar Gläser Bier bestellt werden.

Jakobsweg: Völkerverständigung beim Abendessen

Das stelle ich schmunzelnd (auf Französisch) fest und komme sogleich ins Gespräch mit einem der älteren Franzosen. Wir unterhalten uns eine Weile und ich erfahre, dass die Truppe aus der Bretagne kommt. Offenbar ist mein Französisch zumindest bei dem extrem hohen Lautstärkepegel in dem Raum nach wie vor gut genug, dass mich der Bretone fragt, aus welcher Region ich denn komme. Als ich erwidere, dass ich gar keine Französin, sondern Deutsche bin, redet er auf einmal nicht mehr mit mir und beginnt ohne Überleitung eine Unterhaltung mit einem seiner Freunde. Völkerverständigung auf dem Jakobsweg erfolgreich gescheitert.

Am nächsten Morgen habe ich wieder böse Bauchschmerzen und wäre vermutlich einfach im Bett geblieben, wenn Steve mich nicht motiviert hätte, ganz gemütlich loszuwandern und den Tag ruhig anzugehen. Schon als wir die Augen aufmachen, grinst er mich an, bringt mich mit einem „Are we there yet?“ zum Lachen und hebt meine Laune dadurch augenblicklich. Eigentlich kann ich mich auch gar nicht beklagen, denn ich hatte ziemliches Glück mit der Tatsache, dass ich am Vortag schon fast die gesamte Etappe geschafft hatte, als die Schmerzen losgingen. Außerdem ist es so auch besser, als wenn das Ganze nachts anfängt und mich vom Schlafen abhält.

Nun bin ich eigentlich gut ausgeschlafen, denn die Nacht in dem großen Schlafsaal war recht ruhig. Abgesehen davon, dass das angrenzende Badezimmer so hellhörig ist und jedes Geräusch so laut durch den Raum hallt, dass ich bis spät in die Nacht noch in den akustischen Genuss von vielen verschiedenen Verdauungsproblemen meiner Mitbewohner komme und sogar die Konsistenz anhand der Bristol-Stuhlformen-Skala erahnen kann.

Frómista auf dem Jakobsweg: Schnell weg hier!

Zum Frühstück teilen wir uns in der Herberge ein Stück Kuchen, lassen uns ein zweites Stück einpacken und nehmen noch ein paar Bananen mit. Dann machen wir uns auf den Weg nach Frómista, wo wir ja gestern eigentlich schon gerne angekommen wären. Dass das nicht geklappt hat, war in vielerlei Hinsicht vielleicht mal wieder Schicksal: Erstens ist das Pilgeraufkommen in Boadillo del Camino deutlich geringer und wir vermuten die ganzen Pilger in Frómista, da der Ort einer der klassischen Wegpunkte des Jakobsweges ist und in fast allen Wanderführern als Etappenziel genannt wird. Zweitens ist die Kleinstadt so extrem hässlich, dass wir nur schnell einen Orangensaft trinken und unsere Pause so kurz gestalten wie noch nie zuvor.

Außerdem sind wir total motiviert, denn ein Wegweiser sagt uns, dass es „nur“ noch 424 Kilometer bis Santiago de Compostela sind. Das ist zwar immer noch eine ganze Menge, aber da auf den anderen Holzbrettern die Pilgerwege nach Jerusalem und Rom ausgeschildert sind, können wir uns glücklich schätzen, nicht nach Israel zu pilgern. 4478 Kilometer. Meine Fresse.

Steves Plan klappt vorzüglich: Mit Schmerztabletten, entspanntem Schritttempo und vielen kleinen Pausen kommen wir gut voran. Die wohl schönste Pause des Jakobsweges machen wir in dem kleinen Dorf Villarmentero de Campos. Schon aus der Ferne sehen wir eine Frau, die barfuß mit zwei Eseln über die Wiese rennt – und werden neugierig. Sie und die Esel verschwinden im Garten der Albergue Amanecer. Och, eigentlich könnten wir ja eh mal wieder eine Pause gebrauchen, oder? Die letzte ist schließlich schon locker wieder vier Kilometer her, haha.

Albergue Amanecer in Villarmentero: Eine Oase in der Meseta

Der Garten entpuppt sich als regelrechte Hippie-Oase. Die Mitarbeiter sind supercool drauf, laufen barfuß durchs Gras, versorgen die Gäste mit Snacks und Getränken und die Tiere mit frischen Obst- und Gemüseschalen. Neben den Eseln laufen nämlich noch Hühner, Gänse und viele andere flauschige Zeitgenossen durch die Gegend und lassen sich zwischendurch sogar gerne mal streicheln.

Während wir es in Frómista kaum erwarten konnten schnell weiterzugehen, zieht uns die Albergue Amanecer so sehr in ihren Bann, dass wir am liebsten bleiben würden. Aber es ist noch vormittags und wir wollen noch ein paar Kilometer gehen. Auf dem Tagesplan steht das kleine Dorf Villalcázar de Sirga, etwa sieben Kilometer vor der nächstgrößeren Stadt Carrión de los Condes. Kurz vor dem Ort entdeckt Steve allerdings einen Haufen Unterkunftsflyer, der mit einem Stein auf einem Camino-Poller beschwert ist. Der Camino Francés ist quasi gepflastert mit Werbeflächen und alle versuchen, sich eine Scheibe vom Jakobsweg-Hype zu sichern.

Werbung auf dem Jakobsweg und der Hype um den Camino

Bisher haben wir dieses gewiefte Marketing von Herbergen, Bars, Restaurants, Outdoor-Geschäften und vielem mehr gekonnt ignoriert, nehmen nun aber doch einen Flyer mit. Die komplett renovierte Unterkunft in Carrión de los Condes sieht mit ihren Zimmern in französischem Design einfach toll aus. Mal schauen, vielleicht gehen wir ja einfach noch ein bisschen weiter?!

In Villalcázar de Sirga setzen wir uns auf die Terrasse des Restaurants vor der Kathedrale und schlemmen ausgiebig vor uns hin. Der Kellner bringt mir noch ein paar Eiswürfel, mit denen ich meinen geschwollenen Knöchel kühlen kann, und wir überlegen uns einen neuen Schlachtplan. Steve kramt den Flyer aus seiner Hosentasche. Sieht schon echt gut aus. Kostet laut meiner Booking.com-App auch „nur“ knapp 50 Euro für zwei Personen. Hmm.

Es ist die letzte Nacht, in der wir uns ein ruhiges Privatzimmer teilen können, denn am nächsten Tag kommt Simon mich endlich besuchen und wir fahren für ein paar Tage ans Meer. Steve wird also allein weitergehen müssen und wohl wieder die meiste Zeit in Schlafsälen verbringen. Die Entscheidung fällt daher nicht sonderlich schwer und ich klicke einfach mal auf den „Buchen“-Button, um auch wirklich ganz sicher zu gehen.

Jakobsweg: Und plötzlich kloppen sich alle um Gäste

Der Weg von Villalcázar de Sirga nach Carrión de los Condes ist schrecklich langweilig. Die gesamten sieben Kilometer latschen wir an der Landtraße entlang und freuen uns über die einzige Abwechslung, die sich regelmäßig bietet: eine Entfernungsanzeige, die brav die Kilometer bis nach Carrión runterzählt. Noch 7… 6… 5… Die Sonne brennt wieder vom Himmel und als wir endlich ankommen, sind wir schon etwas stolz auf uns, dass wir zum ersten Mal weiter gegangen sind, als wir ursprünglich geplant hatten. Bisher war ja meist eher das Gegenteil der Fall.

Kaum sind wir in der Kleinstadt angekommen, sprechen uns die Hospitaleros vor den Herbergen schon an und fragen, ob wir nicht noch ein Zimmer bräuchten. Wie jetzt? Vor ein paar Tagen waren wir froh, dass wir überhaupt noch irgendwo ein Bett bekommen haben, und jetzt sind die Unterkünfte so leer, dass die Eigentümer schon vor der Tür stehen und jeden Pilger anquatschen, der vorbeikommt?! Verrückt, wir verstehen die Welt nicht mehr.

Offenbar war es also überflüssig, ein Zimmer zu reservieren, aber nun gut. Das Hostal Plaza Mayor* befindet sich, wie es der Name schon sagt, direkt am Plaza Mayor und ist genau so, wie es der Flyer, den wir auf dem Weg gefunden haben, versprochen hat: tolles Design, alles sehr modern und auf Hochglanz geschrubbt, eine bequeme Matratze, ein Fernseher auf dem Zimmer und die perfekte Lage, um abends nochmal kurz vor die Tür zu gehen.

Camino Francés: Zeit zum Abschiednehmen

Den Tag lassen wir auf der Terrasse des Restaurants unterhalb unserer Unterkunft ausklingen und bestellen uns für unseren letzten gemeinsamen Abend noch einmal eine Karaffe Sangria. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits freue ich mich riesig, Simon am nächsten Nachmittag nach fast vier Wochen endlich wiederzusehen. Außerdem wird es meinem schmerzenden Knöchel sicherlich guttun, mal ein paar Tage lang nicht so stark belastet zu werden.

Andererseits habe ich das Gefühl, dass ich allmählich in den Camino-Flow gefunden habe, und will eigentlich nicht wirklich pausieren. Zumal Steve nach einer Woche schon weit weg sein wird und ich wieder alleine unterwegs sein werde, was mich irgendwie auch ziemlich traurig macht. Der Weg ist noch weit und ich hasse es, Dinge unvollständig zu lassen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben – Santiago wird mir schon nicht weglaufen.

 

Gespannt, wie es weitergeht? Hier findest du die zwanzigste Etappe!

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