Erstens kommt es anders – und zweitens als man denkt! Das muss ich in Burgos mal wieder erfahren, als meine nagelneue Wanderbegleitung gänzlich krank im Bett liegt und an ein Weitergehen vorerst nicht mehr zu denken ist. „Mitgehangen, mitgefangen“, denke ich mir und beschließe, das zu zweit durchzustehen und mir einfach das wunderschöne Burgos anzuschauen und etwas Arbeit zu erledigen. Denn ehrlich gesagt lasse ich lieber die Zahl meiner Puffertage etwas schrumpfen, als schon wieder allein weiterzuwandern. Auch wenn ich ursprünglich geplant hatte, den Camino ohne Begleitung zu wandern, muss ich nämlich einsehen, dass es ganz ohne Gesellschaft bei mir dauerhaft nicht geht.

Morgens in Agés müssen wir uns nicht stressen. Zwar muss die Herberge um spätestens acht Uhr verlassen sein, allerdings hat Steve mir vor dem Schlafengehen noch gesteckt, dass er ausnahmsweise ein Hotelzimmer in Burgos reserviert hat, als ich am Nachmittag Wäsche waschen war. Für zwei Nächte, um sich die Stadt in Ruhe anzuschauen und wieder fit zu werden. Kurz überlege ich, ob er wohl lieber alleine weitergehen möchte oder wieso er mich sonst nicht gefragt haben sollte. Dann fügt er grinsend hinzu, dass das Zimmer natürlich ein zweites Bett hat und ich mir ja noch überlegen könne, ob ich auch etwas länger in Burgos bleibe oder den Camino nach der ersten Nacht direkt fortsetze.

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Wir frühstücken noch schnell ein paar Reste vom Vortag, packen unsere Rucksäcke und bereiten uns auf die uns bevorstehenden 20 Kilometer vor. Ich schlüpfe einfach nur in meine Flip Flops und kümmere mich danach um die fachmännische Fußversorgung bei meiner australischen Begleitung: Mit Jodlösung, ein paar Wattepads und Pflastern klebe ich seinen großen Zeh ab und bekomme kurz darauf schon überschwängliches Lob für meine „nursing skills“ – auch wenn Steve es mir zuerst nicht glauben wollte… Meine Methode des Blasenaufstechens und sorgfältig Abklebens zeigt Wirkung und er kann es kaum fassen, dass er wieder halbwegs schmerzfrei gehen kann.

Bleibt nur ein Problem: Steves Erkältung hat sich seit dem Abend nicht wirlich verbessert und er entscheidet sich dafür, seinen Rucksack nach Burgos transportieren zu lassen, um den Körper etwas weniger zu belasten. Mittlerweile sind auf dem Jakobsweg locker 50% Pilger unterwegs, die sich ihr Gepäck täglich von A nach B fahren lassen – finden wir beide total ätzend, aber hey, Steve hat ja einen guten Grund. Also nehmen wir im Eingangsbereich der Herberge einen der Umschläge von Jacotrans vom Regal, schreiben die gewünschte Anschrift und Steves Kontaktdaten darauf, stecken 5 € hinein, binden den Umschlag an den Rucksack und stellen diesen zu den vielen anderen, die bereits auf ihre Abholung warten.

Camino Francés: Jakobsweg von Agés nach Burgos

Um kurz nach acht Uhr ist es auf dem Camino immer noch eisig und wir fragen uns, woher diese Kälte auf einmal kommt. Die letzten Tage war es auch schon relativ frisch, allerdings haben wir nicht gefroren. Naja, ich zumindest nicht – Steve, der die ganzjährig heißen Temperaturen aus Perth gewohnt ist, sieht das Ganze natürlich etwas anders… Auf jeden Fall setzen wir an diesem Tag einen Fuß vor die Tür und Steves erste Frage ist, ob ich nicht heute vielleicht doch lieber Schuhe anziehen möchte.

Möchte ich selbstverständlich nicht, aber die Frage ist nicht ganz ungerechtfertigt, denn es sind nur noch drei Grad und die Kälte macht sich an den nackten Füßen durchaus bemerkbar. Da hilft nur eins: schnell losgehen und in Bewegung kommen. Der Plan wird allerdings durchkreuzt, denn ich muss noch einmal kurz stehenbleiben – eine Asiatin fragt mich ganz euphorisch, ob sie wohl ein Foto von Candy und mir machen dürfe. Darf sie natürlich. Einmal auf den Auslöser geklickt… Und unser deutsch-australisches Mensch-Kuscheltier-Dreiergespann kann endlich starten.

Der Großteil des Weges verläuft ziemlich unspektakulär. Die Landschaft ist so kurz vor der großen Stadt nicht mehr sonderlich spektakulär und wir sind wieder so sehr in unsere Gespräche vertieft, dass die Zeit ziemlich schnell an uns vorbeizieht. Ab dem Flughafen von Burgos (ich wusste bisher noch nicht einmal, dass Burgos einen Flughafen hat) wird der Weg allerdings richtig mies.

Jakobsweg nach Burgos: Willkommen in der Postapokalypse

Gefühlte Ewigkeiten wandern wir über staubige Schotterwege und es gibt nichts, was auch nur im Geringsten Schatten spenden könnte. Das stört mich zwar nicht weiter, aber mit einem Mal ist es so heiß geworden, dass unsere Wasserreserven aufgebraucht sind und ich den letzten Schluck aus meiner Flasche brüderlich mit meiner Begleitung teile. Die Sonne brennt und die Landschaft sieht aus wie aus einem postapokalyptischen Katastrophenfilm. Ich sage dazu nur: Mein Name ist Alice – und das ist meine Geschichte…“

Steve hat sich statt eines Reiseführers die englischsprachige App Camino Companion gekauft und hält damit vor jeder Etappe Ausschau nach guten Unterkünften, Restaurants und Wegalternativen. Nach Burgos hinein führen viele verschiedene Wege und wir entscheiden uns für den, der komplett an einem kleinen Fluss entlangführt und Schatten verspricht.

Schon als wir am Stadtrand von Burgos ankommen, ist die katastrophale Ödnis des heutigen Jakobsweges Vergangenheit und es sieht eher aus wie die perfekte Kleinstadtidylle. Ich trotte trotzdem ganz schön vor mich hin, denn meine Füße sind ungewohnt schwer und die Hitze hat mich unbewusst ziemlich umgehauen – was ich erst so richtig merke, als wir die pralle Sonne wieder verlassen haben.

Jakobsweg – oder: Die unendliche Geschichte mit den Flip Flops

Nach dem ganzen ätzenden Weg rund um den Flughafen kommt zu allem Überfluss auch noch ein älterer Spanier an uns vorbei. Steve, der vorausgeht, wünscht er „Buen camino“ – als er mich sieht, rümpft er nur die Nase und weist mich kopfschüttelnd darauf hin, dass ich mit diesem Schuhwerk doch wohl nicht ernsthaft über den Jakobsweg gehen könne. Da seien schließlich überall Steine. Ach, tatsächlich? Ist mir noch gar nicht aufgefallen!

Wir folgen dem kleinen Fluss, der quer durch Burgos fließt, für mehrere Kilometer durch einen endlos erscheinenden Park. An einer kleinen Einbuchtung setzen wir uns in den Schatten, lehnen uns an einen Baum und genießen die Ruhe, die der leise plätschernde Fluss ausstrahlt. Da wir uns inmitten von Unmengen an Kies niedergelassen haben, fängt Steve an, mit den Steinen rumzuspielen und aus der Ferne so gekonnt ins Wasser zu werfen, dass sie über die Oberfläche hüpfen oder riesige Kreise ziehen. Ich versuche es auch – und bin schon froh, wenn der Stein das Wasser überhaupt mal erreicht und ich ihn nicht stattdessen zwei Meter vor mir in den Boden schleudere.

Camino Francés: Am Fluss entlang ins Zentrum von Burgos

Keiner von uns ist sonderlich motiviert weiterzugehen. Wir haben doch sogar schon eine Reservierung. Vielleicht einfach noch eine Stunde sitzenbleiben? Nee, doofe Idee, schließlich brauchen wir Wasser, eine Dusche… und ein Bett für eine ausgiebige Siesta wäre auch besser als ein dauerhafter Platz im Kiesbett. Da Gentleman Steve es nicht wirklich haben kann, dass ich meinen Rucksack schleppe, während er nichts zu tragen hat, schnappt er sich in einem Moment meiner Unachtsamkeit (ich hatte es schon geahnt und mich extra quer über das Teil gelegt) mein Gepäck und freut sich wie ein kleiner Junge, mir das Gepäck abgeluchst zu haben.

Einerseits gar nicht so schlecht, denn wir haben noch fünf Kilometer vor uns und meine Füße fühlen sich an, als hätte jemand Blei hineingegossen. Andererseits eine echte Scheißidee, schließlich hatte Steve seinen Rucksack nicht ohne Grund zum Transport aufgegeben.

Auf mein Drängen, mir doch bitte den Rucksack zurückzugeben, kriege ich nur ein verschwörerisches „Soon“ zu hören und beschließe, dass ich wohl etwas nerviger werden und im Minutentakt nachfragen muss. Irgendwann wird er mir mein Gepäck wohl wieder aushändigen, damit ich einfach endlich die Fresse halte. Dummerweise habe ich die Rechnung allerdings nicht mit Steve gemacht, denn wie ich feststellen muss, kann der genauso störrisch sein wie ich – und weigert sich konsequent und mit einem stoischen „Soon“.

Als wir schon fast an unserem Hotel angekommen sind, wollen wir uns eigentlich nur noch hinlegen, kommen aber noch an einem Eiscafé vorbei. Natürlich kommen wir nicht einfach nur daran vorbei, denn Steve schafft es tatsächlich, mich in meinem Naschkatzen-Weltrekord vom Thron zu stoßen. Also gibt es als Belohnung für 20 Kilometer eine große Eistüte und für die letzten 300 Meter bekomme ich doch sogar tatsächlich meinen Rucksack zurück, hooray.

Jakobsweg: Endlich in Burgos angekommen

Angekommen in unserem Zimmer, steht erstmal nur noch Siesta auf dem Plan. Obwohl es sich beim Hotel Fernán González um ein 4-Sterne-Haus handelt, sind wir ziemlich enttäuscht, denn die Ausstattung ist so trashig und das Personal dermaßen unfreundlich, dass wir es kaum glauben können, dass der ganze Laden ausgebucht ist. Steve liegt nämlich am zweiten Tag in Burgos komplett flach und zittert unter seiner Decke vor sich hin. Da die Mitarbeiter an der Rezeption es auch auf mehrfache Nachfrage nicht für nötig erachten, ihm eine zweite Decke zu bringen, spende ich ihm meine und schlafe einfach in der „Caramel Pants“, die ich einfach mal beschlagnahmt habe. Weil wegen geil bequem.

Ich brauche nicht sonderlich lange, um abzuwägen, was ich mache. Steve schafft es gegen Mittag gerade so, rüber zu unserer neuen (und viel besseren!) Unterkunft, dem Hotel Cordón* zu gehen und denkt darüber nach, sich einen Arzt ins Hotel zu rufen. Stattdessen besorge ich etwas zu essen und einen Stapel Medikamente aus der Apotheke. Nee, ich kann und will ihn hier nicht allein lassen. Falls ich mich angesteckt haben sollte, ist es jetzt wohl eh schon zu spät. Das Argument fällt also auch raus – und da ich bisher ganz gut in der Zeit liege und jede Menge Puffertage habe, kann ich auch einfach eine weitere Nacht in Burgos bleiben. 

Im Hotel Cordón gönne ich mir dann am dritten Abend in Burgos auch ein heißes Bad und stelle wieder einmal fest, dass man „Luxus“ auf dem Jakobsweg ganz anders definiert, als wenn man zu Hause ist und einen gewissen Standard rund um die Uhr zur Verfügung hat. Ich bin ein ziemlicher Pingel, was Badewannen angeht, und kann mich nur bei einem Bad entspannen, wenn a) die Wanne neu und sehr sauber ist und b) ein Schaumbad vorhanden ist, das Unmengen an Schaum produziert.

Luxus auf dem Jakobsweg: Camino-Entspannung im Hotel

„Man soll die Feste ja feiern, wie sie fallen“, denke ich mir grinsend, als ich im Yves Rocher ein Schaumbad kaufe und am Abend in unserem schönen Hotelzimmer in die Wanne steige. „Steeeve, komm mal bitte.  Und bring das Handy mit – du musst ein Beweisfoto machen!“, rufe ich aus der Badewanne heraus ins Nebenzimmer. Diese kleine Bitte hat eine handfeste Diskussion durch die Badezimmertür zur Folge: „Auf keinen Fall – dein Mann bringt mich um!“ – „Nee, der ist cool – und freut sich, wenn ich ihm gleich das Foto schicke. Außerdem ist doch eh überall Schaum!“ – „Auf keinen Fall – dein Mann bringt mich um!“ – „Jetzt mach schon, bevor der Schaum gleich wirklich weg ist!“ – Nun ja. Ich bekomme mein Foto letztendlich doch noch, haha.

Nach insgesamt drei Nächten in Burgos und vielen Medikamenten für Steve, können wir am nächsten Tag endlich den Camino fortsetzen. Bevor ich dir aber erzähle, was uns auf der nächsten Etappe erwartet, möchte ich erst noch ein paar Worte über Burgos verlieren – die Stadt ist nämlich wirklich schön und auch ganz unabhängig vom Jakobsweg einen Besuch wert.

Burgos Sehenswürdigkeiten: Sightseeing auf dem Jakobsweg

Das absolute Highlight von Burgos ist natürlich die Kathedrale. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich schon viele Kathedralen besichtigt habe und sich die Architektur etc. natürlich häufig wiederholt. Die Catedral de Burgos ist aber ganz besonders, denn die Dächer ziert eine kunstvolle Loch-Optik, durch die das Sonnenlicht fällt und wodurch das Bauwerk von außen irgendwie total außergewöhnlich wirkt.

Auch von innen lohnt sich eine Besichtigung, denn ich habe selten so schöne Deckenverzierungen gesehen. Der Eintritt kostet (inkl. gut gemachtem Audio-Guide) 7 €, wobei es auch Ermäßigungen gibt – Pilger zahlen bei Vorlage des Pilgerpasses beispielsweise nur 4,50 € und können sich auch direkt einen hübschen Stempel abholen.

Burgos zählt zwar etwa 175.000 Einwohner und ist damit durchaus eine Großstadt – trotzdem sind die kleinen Gassen der Altstadt tagsüber recht leer, da sich die Spanier traditionell eher in den Abendstunden in den Straßen herumtreiben. Dann tobt dort wirklich das Leben und die Bars sind zum Bersten gefüllt. Der Nachmittag eignet sich daher hervorragend, um Burgos etwas näher kennenzulernen und die Stadt in aller Ruhe auf sich wirken zu lassen.

Sehenswürdigkeiten Burgos: Ein Spaziergang durch die Stadt

Einen Ort, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte, ist (wie in vielen spanischen Städten) der Plaza Mayor, auf dem man gut ein Gläschen trinken, ein Eis essen oder einfach nur die Architektur bewundern kann. Wer etwas Gutes und Regionales essen gehen möchte, dem kann ich übrigens die Cervecería Morito empfehlen – während die meisten der Restaurants direkt auf dem Plaza Rey San Fernando vor der Kathedrale wie zu erwarten total überteuert und das Essen eher von schlechter Qualität ist, gibt es nur ein paar Straßen weiter richtig tolle Bars.

Wie ich festgestellt habe, war Burgos 2013 sogar europäische Gastronomie-Hauptstadt – und ich bin sicher, dass die kleine Cervecería Morito dazu beigetragen hat. Kleiner Tipp: Direkt zur Ladenöffnung um 19 Uhr hingehen. Ab 20 Uhr kommen die Einheimischen und es ist so gut wie unmöglich, noch einen Tisch zu bekommen.

 

Gespannt, wie es weitergeht? Hier findest du die sechzehnte und siebzehnte Etappe!

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